Was darf sich der Mensch noch erlauben? Jahrelanger, sorgloser Konsum hat dazu geführt, dass wir uns den Grenzen unseres globalen Systems nähern. Klimaforscher Johan Rockström hat die neun kritischen Kipppunkte definiert
Im Jahr 2009 stellte sich der schwedische Klimaforscher Johan Rockström zusammen mit 28 weiteren Wissenschaftler:innen eine Frage: Wieviel hält die Erde aus, bevor sie sich so verändert, dass sie für den Menschen unbewohnbar wird?
Das Ergebnis ihrer Überlegungen war ein Konzept, das dem menschlichen Wirken auf der Erde einen Rahmen gibt: die "Planetaren Grenzen". Beschränkungen in neun Bereichen, die grundlegend sind für die Stabilität und Resilienz des Planeten Erde. Jede Überschreitung zieht irreversible Veränderungen nach sich. Wo stehen wir heute, 14 Jahre später?
Süßwassernutzung
Frischwasser spielt eine kritische Rolle für die Biodiversität, Nahrung, Gesundheit und Ökologie. Der Mensch hat die Grenze für die Nutzung von Frischwasser bereits teilweise überschritten.
Ozonverlust in der Stratosphäre
Die Ozonschicht schützt Lebewesen auf der Erde vor der UV-Strahlung der Sonne. Vom Menschen verursachte Emissionen wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) können diese Schicht zerstören. Maßnahmen gegen das Ozonloch seit den 1990er-Jahren haben dafür gesorgt, dass sich der Mensch hier in einem sicheren Rahmen bewegt.
Aersolgehalt der Atmosphäre
Aerosole, freigesetzt von Heizungen oder Verbrennungsmotoren, beeinflussen unter anderem die Wolkenbildung (Beispiel: Monsun in Asien) und können sauren Regen auslösen.
Da die Wirkungsweise von Aerosolen sehr komplex ist, konnte noch keine planetare Grenze festgelegt werden.
Versauerung der Meere
Ozeane schlucken etwa 25% der vom Menschen verursachten CO₂-Emissionen. CO₂ allerdings lässt die Meere versauern, und das wiederum bedroht die Biodiversität, allen voran die Korallenriffe.
Die Ozeane versauern derzeit etwa 100 Mal schneller als jemals zuvor in 20 Millionen Jahren. Trotzdem bewegt sich der Mensch hier gerade noch im grünen Bereich.
Biogeochemische Flüsse
Gelangen Phosphor oder Stickstoff (etwa als Dünger) in Flüsse und Seen, steigt darin die Nährstoffkonzentration. Die Folgen: starkes Algenwachstum, Sauerstoffmangel, ursprüngliche Pflanzen und Tiere werden verdrängt.
Derzeit agiert der Mensch weit jenseits dieser planetaren Grenze.
Neue Substanzen
Zunächst als "Chemische Verschmutzung" bezeichnet: Freigesetzte radioaktive Elemente, Schwermetalle und menschengemachte organische Stoffe (zum Beispiel Plastik) belasten unsere Gesundheit und die ganzer Ökosysteme.
Im Jahr 2022 kamen 14 Wissenschaflter:innen zu dem Schluss, dass der Mensch diese planetare Grenze überschritten hat.
Landnutzungswandel
Weltweit müssen Wälder und andere Ökosysteme Platz machen für die Bedürfnisse des Menschen: für die Produktion von Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen oder für die Ausdehnung von Städten.
Nach Rockström und Kollegen sollten nicht mehr als 15% der eisfreien Fläche in Ackerland umgewandelt werden. Diese Grenze hält der Mensch derzeit nicht ein.
Unversehrtheit der Biosphäre
Kommt es zu großen Veränderungen in der Biologischen Vielfalt (Beispiel: Insektensterben), droht großer Schaden für ganze Ökosysteme.
Derzeit erleben wir das sechste große Massenaussterben in der Geschichte des Planeten - und das erste, das vom Menschen verursacht wird. Diese planetare Grenze ist überschritten.
Klimawandel
Eine ungebremste Erderwärmung wird die Erde für den Menschen letztlich unbewohnbar machen. Maßgeblicher Faktor für die Erderwärmung: die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre.
Aktuell stößt der Mensch so viel CO₂ aus, dass er den Grenzwert deutlich überschreitet, den es bräuchte, um die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten.
Das Konzept der "Planetaren Grenzen" ist zu einem Standardwerk der internationalen Klimaforschung geworden - und Johan Rockström zu einem der führenden Wissenschaftler und weltweit gefragten Experten in diesem Bereich.
Sechs von neun Grenzen haben wir als Menschheit bereits gesprengt. Doch was passiert, wenn wir die Erde ins Klimachaos rutschen lassen? Und was wäre nötig, um doch noch die Kurve zu kriegen? Das diskutiert Professor Johan Rockström, heute Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, mit Entscheidern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft auf dem GREENTECH FESTIVAL.