Syrien nach dem Sturz Assads

Natalie Amiri in Syrien – fünf Tage nach dem Sturz des Assad Regimes

23 Jahre war ich nicht mehr in Syrien. Und plötz­lich, wie aus dem Nichts, stürzt die HTS-Miliz Syriens Lang­zeit­herrscher Assad. Ich ent­scheide mich kurz­fristig, ich muss nach Syrien.
Wie geht es den Men­schen? Was halten sie von den neuen Macht­habern aus Idlib? Schließ­lich ist ihr An­führer, der unter dem Kampf­namen Abu Muham­mad al-Dscholani beim IS und bei Al-Qaida aktiv war, ein von den USA ein­ge­stufter Ter­ro­rist. Kopf­geld: Zehn Millionen Dollar. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.
Ich fliege über den Libanon. In Beirut organisiere ich einen liba­ne­sischen Taxi­ahrer, der die Strecke Beirut- Damas­kus mehr­mals täglich fährt. Für gutes Geld. 250 Dollar (ich höre auch von Preisen von bis zu 400 Dollar). Fünf Tage nach dem Fall Assads stehe ich an der Grenze zu Syrien. Grenz­posten gibt es keine mehr.
Das erste Gebäude, das mir auf dem Weg von der Grenze in Damaskus ins Auge sticht, ist die Bot­schaft der Isla­mischen Republik. Kein An­ge­stellter des Regimes befindet sich mehr dort.
Nach der Schwächung der Hisbollah im Libanon verliert das Regime im Iran jetzt auch noch mit Syrien einen seiner wichtigsten Verbün­deten in der soge­nannten „Achse des Wider­stands“. Einen, der die Wege für die Waffen-Sol­daten und Geld­lieferungen für die Hisbollah garantierte.

Das erste Freitags­gebet in der größten Moschee in Da­mas­kus – die Umay­yaden Moschee. Tausende sind ge­kom­men. Um den Sieg der Re­vo­lution zu feiern.

Aber auch außerhalb der Moschee wird an diesem Tag gefeiert. Christen, Sun­niten, Alawiten, Dru­sen – die meisten in Syrien freuen sich. Hoff­nung ist das prägende Gefühl auf den Straßen von Damaskus.

Ich liebe den Advent. Aber dieses Mal musste ich eine Aus­nahme für Syrien machen. Ich sah dann doch noch Weih­nachts­bäume in Da­mas­kus, vor allem im Christen­viertel Bab Tuma.

Südlich von Da­mas­kus befindet sich eine der wichtig­sten Pil­ger­stät­ten für Schi­iten, der Schrein von Zainab. Hier befanden sich jahre­lang auch die Scher­gen des iranischen Regimes.

Zainab war die Toch­ter von Imam Ali und die Enke­lin des Pro­pheten Mohammed.

Wieder zurück in der Stadt. Vor EINEM Haus der Assads stehen ein paar Dinge, die bei den Plün­derungen nie­mand mit­nahm. Und jetzt steht er hier, der Louis-Vuitton-Schrank­koffer, für den man neu ca. 80.000 Euro zahlen müsste und wartet auf die Müll­abfuhr.

Das geheime Luxusleben der Assads

Und am Abend bekomme ich dann noch eine Portion Advent.

Das, was ich heute sehen werde, über­steigt meine Vor­stellung dessen, wie brutal ein Regime sein kann. Zuerst fahre ich nach Sednaya. Das Gefängnis wurde auch „Schlacht­hof“ genannt.

Das Gefängnis ist berüchtigt für die schlim­msten Folter­methoden. Allein den Namen Sednaya aus­zu­sprechen, traute sich niemand in Syrien.

Noch schlimmer empfinde ich die Geheim­dienst­zentrale im Zen­trum Da­mas­kus, mit Platz für Zehn­tausende Gefangene. Die meisten kamen hier nicht lebend raus. Taufik aus Deutsch­land sucht nach Be­wei­sen über den Verbleib seines Bruders. Pro Person war ein Qua­drat­meter vor­ge­sehen – in einem Raum be­fan­den sich bis zu 1.000 Men­schen zu­sam­men­gepfercht.

Erst vor wenigen Tagen sind hier Tau­sen­de in die Frei­heit ge­strömt. Ich rieche ihr Elend noch.

Das Damaskus, das ich vor Jahren lieben gelernt habe.

Was für eine Freude ihr zuzuhören.

Auf dem Weg zurück in den Libanon. Was für be­we­gen­de Tage, was für Ein­drücke. Die Men­schen, denen ich be­ge­gnete, ge­nießen den Moment der Frei­heit in Syrien, die sie nie gekannt haben. Wie lange werden sie sie behalten? Ich wünsche es ihnen so sehr….

Bald soll auf einer Konferenz des Nationalen Dialogs darüber beraten werden, wie es in Syrien weiter­geht. Der neue Macht­haber hat ver­sprochen, Mit­glieder aus allen Grup­pen der syrischen Gesell­schaft ein­zu­laden. Immer wieder wurde mir auf dieser Reise gesagt: Wir sind wach­sam, wir wollen uns unseren jetzigen Opti­mis­mus nicht durch Skepsis und Zweifel zerstören lassen. Und schlim­mer als unter Assad kann es nicht werden.
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Veröffentlicht am 16.12.2024
Credits

Text, Videos und Fotos: Natalie Amiri
Grafik und Animation: Jan Schwochow, Scrollytelling GmbH

Quellen

Syrien-Karte: Jan Schwochow, Satelliten-Bilder: Google Earth

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