Ein Kopf voller Bilder entsteht, wenn man sich im Zeit-Podcast »Augen zu« von Florian Illies und Giovanni di Lorenzo in die wunderbare Welt der Kunst entführen lässt. Doch wie sehen die Bilder der großen Künstler mit offenen Augen aus? Wir zeigen Ihnen diejenigen Werke, zu denen Sie bereits ihre ganz eigenen bildlichen Eindrücke gesammelt haben.
In dieser Folge: René Magritte – bekannt als der »Spießer des Kunstbetriebs« und zugleich untrennbar mit dem Surrealismus verbunden. Mit seiner Kunst wollte er beweisen, dass Fiktion und Wirklichkeit zwei verschiedene Dinge sind, die ineinander übergehen können.
René Magritte wurde 1898 als Sohn eines Kaufmanns und Schneiders und einer Hutmacherin im Süden Belgiens geboren. Seine Mutter war ihr Leben lang psychisch stark gestört und ertränkte sich schließlich in den Fluten eines Flusses. Als sie vierzehn Tage später, ihr Kopf von einem weißen Nachthemd umwickelt, am Ufer tot aufgefunden wurde, war der 13-jährige René dabei.
Ein Erlebnis, das er nie vergessen würde und das sich anschließend vielfach in seinen Bildern wiederfand, wie zum Beispiel in »Die Liebenden« aus dem Jahr 1928.
Starken Einfluss auf Magrittes Werke hatten unter anderen Miró, Salvador Dalí sowie der bekannte italienische Surrealist Giorgio de Chirico. Dessen Werk »Das Lied der Liebe« gilt als ein frühes Beispiel der surrealistischen Kunstströmung »pittura metafisica«: eine Art von Labor, in dem auf einer Leinwand verschiedene Gegenstände zusammengefügt wurden.
Auf »Das Lied der Liebe« (1914) wurden verschiedene Gegenstände zusammengeführt. Ihre Anordnung hat etwas, das sich nicht auflösen lässt. Im Unterschied zu Magrittes Kunst zeigt das Gemälde auf etwas darüber hinaus Liegendes, etwas Komplexes und magisch Scheinendes.
Als ehemaliger Werbegrafiker war Magritte in den Mitteln und der Technik, die er benutzte, zwar der Konventionellste unter den Surrealisten. In den Inhalten aber, die er mit seiner Kunst vermittelte, gehörte er zu den Revolutionärsten.
Es ging ihm weniger um die Malerei selbst als vielmehr darum, wie die Kunst die menschliche Auffassung der Welt verändert. Beeinflusst durch Platons Höhlengleichnis setze er die Formen ein, um Gedankenbeispiele über Fragen der Wahrnehmung auf die Leinwand zu bringen. Ein Hin und Her von Übertragungen innerhalb des Bildes, das weder Anfang noch Ende kennt.
Auf diese Weise sorgte er mit seinem 1929 erschienen »Pfeifenbild« für Furore. Auf dem Gemälde lässt sich eine Pfeife erkennen unter der der Satz »Ceci n'est pas une pipe.« (»Dies ist keine Pfeife.«) steht. Das Bild lädt dazu ein, die Pfeife als etwas anderes erkennen zu wollen. Doch sowohl die Pfeife, als auch das Wort »pipe« sind nur Abbilder einer Pfeife. Magritte zeigt also, dass das, was wir sehen immer nur das ist, was wir zu glauben meinen.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass Fiktion und Wirklichkeit unterschiedliche Dinge sind, aber trotzdem ineinander überfließen können, ist Magrittes berühmtes Bild aus dem Jahre 1937: »La reproduction interdite« (»Der falsche Spiegel«). Das Bild porträtiert den Sammler Edward James, der in den Spiegel schaut. Sein Spiegelbild zeigt jedoch nicht wie erwartet seine Vorderansicht, sondern paradoxerweise die Rückenansicht, was den Betrachter verwirrt und ihn dazu bringt, über das Gesehene nachzudenken und zu erkennen, dass Dinge häufig doch nicht das sind, was sie zu sein scheinen.
Magrittes bekanntestes Gemälde aber ist »L'Empire des Lumières« (»Das Reich der Lichter«) aus dem Jahre 1954. Es zeigt im unteren Teil des Bildes einen im nächtlichen Schatten gelegenen See und dahinter ein beleuchtetes Haus, vor dem eine Laterne und Bäumen stehen. Im oberen Teil des Bildes, sieht man die berühmten Wolken Magrittes vor einem strahlend blauen Himmel. Dieses Gemälde hat eine uneindeutige Magie. Durch die Kombination von Tag und Nacht hinterfragt es die natürlichen Ordnung der Dinge.
»Das Reich der Lichter« wurde Anfang 2022 für 59,4 Millionen Pfund versteigert und erzielte damit den Auktionsrekord für ein Magritte-Gemälde. Es gilt als eines der prägendsten Motive des Surrealismus.
Am 15. August 1967 starb René Magritte unerwartet an Krebs. Seit etwa 1950 gilt er als eine der zentralen Figuren des Surrealismus und der gesamten Kunst in Europa. Heute kann man sein ehemaliges Wohn- und Atelierhaus besichtigen, in dem er von 1930 bis 1954 mit seiner Frau Georgette Magritte lebte und an seinen Werken arbeitete. Dort lässt sich sein bescheidenes bürgerliches Leben besonders gut nachvollziehen.
Zuletzt bleibt die Frage: Wird sich die Menschheit in 100 Jahren noch an Magritte zurückerinnern? Giovanni di Lorenzo hat dazu eine ganz deutliche Antwort:
Wenn Sie neugierig geworden sind und mehr über das Leben und die Werke der bekanntesten Künstler der Welt erfahren wollen, dann hören Sie alle 14 Tage »Augen zu«, den Kunstpodcast der Zeit.
Grafik und Animation: Anton Delchmann
Text: Elisabeth Borchardt, Christian Krug, Nele Justus
Research: ZEIT Online • Podcast "Augen zu"