Warum Drogenkartelle Avocados lieben

Die Avocado gilt als Superfood, deswegen boomt der Handel mit dem »grünen Gold« – und mexikanische Drogenkartelle wollen mitverdienen. Die komplizierte Geschichte hinter einem gehypten Lebensmittel

Die Avocado ist ein Superstar:
Weil sie nicht nur lecker, sondern auch gesund und nahrhaft ist. Dank wert­voller Inhalts­stoffe wie un­ge­sät­tigter Fett­säuren, Vitaminen, Ballast- und Mineralstoffen.

Und sie ist ein Hype: Auf Instagram findet man unter #avocado mehr als 13 Millionen Beiträge – fast so viele wie unter #kimkardashian.

Dabei war die Avocado lange Zeit über­haupt nicht trendy. Noch in den 1980ern galt sie als zu fett und ungesund. Sie hatte keinen Platz auf dem Speiseplan.

Bis sich der Interessenverband der kalifornischen Avocado­bauern an eine Image­kampagne machte. Er ließ in Werbespots die Schau­spie­le­rin Angie Dickinson die Vorzüge der Avocado preisen – in weißem Gymnastik­anzug und goldenen Stilettos.

Der Verband erfand auch Mr. Ripe Guy, ein Avocado-Maskottchen mit Sonnen­brille und Sneakern. Der Hype war geboren. Heute läuft Avocado-Werbung sogar beim Superbowl.

Spätestens mit dem Superfood-Trend ist die Avocado auch in Deutschland angekommen. Die Deutschen aßen im Jahr 2018 rund 94.000 Tonnen Avocados – fünfmal so viele wie im Jahr 2008.

Um den großen Hunger nach Avocados stillen zu können, ist der Anbau explodiert. Nur zwei Werte zum Ver­gleich: 1961 wurden gut 700.000 Tonnen Avocados angebaut. Im Jahr 2020 waren es mehr als acht Millionen Tonnen.

Der wichtigste Avocado-Produzent der Welt: Mexiko. Mit Abstand. Fast jede dritte Avocado kommt von dort. Kolumbien und die Do­mi­ni­ka­ni­sche Republik liegen auf den Plätzen zwei und drei.

Allein mit dem Export von Avocados nimmt Mexiko fast drei Milliarden US-Dollar im Jahr ein. Das hat im Land einen grünen Goldrausch ausgelöst.

Der wichtigste Kunde der me­xi­ka­nischen Avocado-Bauern: die USA. Die beziehen ihre Früchte aus einem einzigen Bundes­staat: Michoacán. Dank des milden Klimas und der fruchtbaren vul­ka­nischen Böden kann dort vier Mal im Jahr geerntet werden.

Michoacán lebt von der Avocado. Und das zieht Drogen­kartelle an, die von dem Geschäft profitieren wollen. Lokale Behörden zählen mindestens neun aktive kriminelle Gruppen in der Region. Diese bekriegen sich um Einfluss auf den Avocado-Handel.

Außerdem rauben Kartelle 48 Tonnen Avocados pro Tag. Das sind umgerechnet vier volle Lastwagen. Und sie erpressen Schutz­geld von den Bauern und Pro­du­zen­tin­nen. Wer nicht bezahlt, riskiert entführt oder getötet zu werden.

Neben den Menschen leidet auch die Natur: Das Cártel de Jalisco Nueva Generación etwa soll zu­neh­mend Wälder roden, um Platz für neue, eigene Avocado-Felder zu schaffen.

Polizei und Regierung bekommen das Problem nicht in den Griff. In einigen Gegenden greifen die Menschen deshalb selbst zur Waffe: Sie bilden Bürger­wehren, sogenannte Auto­defensas. Der einstige Präsident Mexikos, Enrique Pena Nieto, hatte solche Gruppen 2014 legalisiert.

Vereinzelt wächst aber internationaler Druck: Nachdem im Februar der Inspekteur einer US-Behörde in Michoacán bedroht worden war, setzten die USA den Avocado-Import aus Mexiko für acht Tage komplett aus.

Ein großer Verband mexikanischer Avocado-Bauern hat daraufhin angekündigt, eine "Aufklärungs- und Sicherheits­einheit" aufzubauen, um den Avocado-Handel sicherer zu machen. Zugleich hat die Regierung Michoacáns einen Plan für mehr Sicherheit angekündigt. Details wurden nicht veröffentlicht.

Und in Deutschland?
Hier ist Mexiko zum zweit­wich­tigs­ten Avocado-Lieferanten auf­ge­stie­gen, deutlich hinter Peru und knapp vor Kolumbien. Damit landet auch ein Teil unseres Geldes möglicherweise in den Händen mexikanischer Drogenkartelle.

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Veröffentlicht am 07.11.2022
Credits

Creative Direction: Jan Schwochow
Grafik und Animation: Jina Bae
Text & Research: Johannes Mitterer, Nele Justus

Quellen
  1. 01Top 5 health benefits of avocadohttps://www.bbcgoodfood.com/howto/guide/health-benefits-avocado
  2. 02Food and Agriculture Organization of the Unite Nationshttps://www.fao.org/faostat/en/#data/QCL
  3. 03Statistisches Bundesamthttps://www-genesis.destatis.de/genesis/online?operation=ergebnistabelleUmfang&levelindex=3&levelid=1667505720796&downloadname=51000-0015#abreadcrumb
  4. 04Tracking Cartels Infographic Series: The Pits: Violence in Michoacán Over Control of Avocado Tradehttps://www.start.umd.edu/tracking-cartels-infographic-series-pits-violence-michoac-n-over-control-avocado-trade
  5. 05As avocado consumption soars, Mexican drug cartels extort growershttps://eu.courier-journal.com/story/news/investigations/2021/08/18/mexican-drug-cartels-mexico-avocado-farmers-farming-industry/7878297002/
  6. 06The Avocado Mascot You Probably Forgot Existedhttps://www.mashed.com/896549/the-avocado-mascot-you-probably-forgot-existed/
  7. 07U.S. Lifts Temporary Ban on Avocados From Mexicohttps://www.nytimes.com/2022/02/19/business/mexico-avocado-ban-lifted.html
  8. 08Advertising; The Truth About Avocadoshttps://www.nytimes.com/1981/02/17/business/advertising-the-truth-about-avocados.html
  9. 09Avocado Production: Water Footprint and Socio-economic Implicationshttps://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1746-692X.12289
  10. 10Are Mexican avocados the world's new conflict commodity?https://www.theguardian.com/global-development/2019/dec/30/are-mexican-avocados-the-worlds-new-conflict-commodity
  11. 11Angie Dickinson 1980s California Avacados Commercialhttps://www.youtube.com/watch?v=9288uol1lwQ
  12. 12FOTOS: Getty Imageshttps://www.gettyimages.de/
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