Noch diskutiert Deutschland: Bekommt China die Kontrolle über Teile von Hamburgs Hafen? In Piräus ist es längst soweit. Dort legten schon Kriegsschiffe an. Sollen Europas Häfen als Militärbasis dienen?
Gehört Hamburgs Hafen bald zu China? Darüber wurde im Oktober 2022 heftig gestritten.
Damals wollte eine Tochterfirma der chinesischen Staatsreederei Cosco 35% der Anteile an einem der vier Hamburger Container-Terminals erwerben.
Das Terminal Tollerort gehörte bislang allein der Hamburger Hafen und Logistik AG, kurz: HHLA. Kostenpunkt laut Cosco für die Anteile: 65 Millionen Euro.
Weil der Hamburger Hafen zur kritischen Infrastruktur gehört, muss die Bundesregierung den Deal genehmigen. Und entschied:
Cosco darf maximal 24,9 Prozent der Anteile erwerben.
Wer weniger als 25% der Anteile hält, bekommt keine Sperrminorität, kann also keine Entscheidungen blockieren.
Cosco ist nicht der erste ausländische Investor in Hamburg. Die italienische Reederei Grimaldi hält 49 Prozent am Terminal Unikai. Dort wird rollende Ladung wie Fahrzeuge oder Baumaschinen umgeschlagen.
Der Reederei Hapaq-Lloyd gehören 25,1 Prozent des HHLA Container Terminals Altenwerder. Hapaq-Lloyd sitzt in Hamburg, mehr als 50% der Anteile liegen aber im Ausland, bei einer Reederei aus Chile sowie den Staatsfonds Katars und Saudi-Arabiens.
Blickt man über Hamburg hinaus, stellt man fest, dass es auch schon chinesische Standorte an deutschen Häfen gibt – an einem Terminal im Duisburger Hafen zum Beispiel. Und am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven betreibt eine chinesische Firma ein Güterverkehrszentrum.
Schaut man in die Europäische Union, sitzen Chinas Konzerne schon in 22 Häfen in elf Ländern. Frankreich ist dabei, Italien, Spanien und Polen.
Und schaut man in die Welt, sieht man 107 Häfen in 47 Ländern, an denen chinesische Unternehmen an Terminals beteiligt sind. In Afrika, Südamerika, Singapur und Indien – und sogar in den USA!
Ganz schön viele, oder?
Aber wer steckt dahinter:
Es sind im Wesentlichen drei chinesische Firmen, die in der EU in Terminals investieren:
»Cosco Shipping Ports Limited« (CSPL) und »China Merchants Port Holdings« (CMPort), beide Tochterfirmen chinesischer Staatskonzerne.
Und die in Privateigentum liegende »Hutchison Port Holdings Limited« aus Hongkong, nach eigenen Angaben Betreiber des größten Hafennetzwerks der Welt.
An den meisten Terminals halten diese Unternehmen die Minderheit - bis jetzt. Cosco formuliert klar das Ziel, »bestehende Terminal-Investments zu Kontrollmehrheiten auszubauen«. Dazu soll »der Einfluss auf ganze Häfen durch Investments in Hafenbetreiber ausgeweitet werden.«
Mancherorts ist das schon gelungen. Cosco etwa hält schon die Mehrheit an Terminals in Valencia, Spanien, und in Zeebrugge, Belgien. Aber nirgendwo ist die Kontrolle so total wie in Piräus, Griechenland.
Cosco hat dort im Jahr 2009 zwei Terminals übernommen, und dann – im Jahr 2016 – auch die Mehrheit an der Hafenbehörde gekauft, für 368,5 Millionen Euro. Der Hafen von Piräus ist damit fest in chinesischer Hand.
Wirtschaftlich hat der Hafen profitiert. Piräus ist zum wichtigsten Hafen im Mittelmeer und auf Platz 4 in Europa aufgestiegen. Der Container-Umschlag wurde versiebenfacht.
Wo ist das Problem?
Die Investitionen sind Teil einer großen Initiative, die Chinas Präsident Xi Jinping 2013 ausgerufen hat: Den Aufbau einer »Neuen Seidenstraße«, also neuen Handelsrouten, die China über Land und Meer mit Europa verbinden. Die Projekte werden teils mit chinesischen Investitionen finanziert, teils mit Krediten.
Manchen Analysten zufolge geht es China dabei eindeutig um politischen Einfluss, um eine Neuordnung internationaler Machtverhältnisse und um einen ideologischen Wettbewerb mit dem Westen.
Es gibt auch Anzeichen, wie sich dieser Einfluss ausdrücken könnte. Beispiel Piräus:
Griechenland hat im Jahr 2017 eine EU-Erkärung zur Verletzung von Menschenrechten in China blockiert – als einziges EU-Land. Wer finanziell in Chinas Schuld steht, so Beobachter, wird sich politisch zurückhalten.
Manche fürchten gar eine militärische Bedrohung. Laut US-Verteidigungsministerium könnten die Häfen für die Logistik der chinesischen Marine genutzt werden – bei Einsätzen bis ins Mittelmeer und den Atlantik.
Blick nach Dschibuti, im Osten Afrikas: Dort hat China 2017 seine erste Militärbasis im Ausland eröffnet. Danach hat Dschibuti China auch die Geschäfte des kommerziellen Hafens überlassen. Auffällig ist: Fast die kompletten Staatsschulden Dschibutis liegen bei China.
Auch den Hafen von Piräus hat die chinesische Marine schon mehrfach besucht.
Zum Schluss bleibt die Frage: Wie ist es umgekehrt? Dürfen europäische Unternehmen auch in Chinas Häfen einsteigen?
Einen Fall scheint es zu geben: Die niederländische Firma APM Terminals gibt an, Minderheitsbeteiligungen an zehn Terminals in sechs chinesischen Häfen zu halten.
Eines scheint sicher:
Der Hunger Chinas nach Häfen in der Welt ist noch nicht gestillt.
Grafik und Animation:
Jan Schwochow
Text:
Johannes Mitterer