Am 31. August 1997 starb Prinzessin Diana. Mit ihr verschied nicht nur die Mutter des zukünftigen Königs von Großbritannien, mit ihr starb auch der Mythos einer Frau, die sich gegen alle Widerstände im Königreich ihre Unabhängigkeit erkämpft hatte. Wir haben ihre letzten Stunden rekonstruiert.
Blumen für die Königin der Herzen
Was wie ein Märchen begann, endete mit der größtmöglichen Tragödie: Die Welt betrauerte den Tod einer Frau, die sie ins Herz geschlossen hatte, obwohl die meisten ihr nie begegnet waren. Nur Stunden nach Lady Di‘s Tod entstand vor dem Kensington Palace ein Blumenmeer, das die ganze Stadt in einen Duft hüllte, den bis heute niemand vergessen wird.
Die Verschwörung beginnt
Schon Stunden nach dem tödlichen Crash in Paris erschienen Zeitungen mit der schrecklichen Nachricht. Noch gab es nur wenige Fakten, aber erste Spekulationen über Paparazzis, die sie in den Tod gehetzt haben sollen, machten die Runde und befeuerten Verschwörungstheorien.
Rekonstruktion eines verhängnisvollen Tages
Nachdem Dodi Al-Fayed und Lady Diana um 15.20 Uhr am Flughafen Le Bourget gelandet waren, fährt das Liebespaar in Begleitung von Bodyguards erst zur »Villa Windsor», einem Haus der Al-Fayeds, dann zum Hotel Ritz, das ebenfalls Dodis Vater gehört. Stetig verfolgt von Fotografen und Reportern, die an jedem Schritt des Paares interessiert sind. Ihr Gepäck wird unterdessen in Dodis Privatwohnung in der Rue Arsène Houssaye gebracht.
Warum Paris?
Diana will am 31. August wieder in London sein, um sobald wie möglich ihre Söhne zu sehen. Was soll der Zwischenstopp? Hat Dodi Verlobungspläne? Nachdem er Diana im Ritz abgesetzt hat, lässt er sich zum Juwelier »Repossi« fahren. Dort soll er Verlobungsringe kaufen.
Ständig wechseln die beiden ihre Aufenthaltsorte. Vom Ritz geht es in Dodis Wohnung. Von dort wollen sie ins Restaurant Chez Benoît. Auf dem Weg dorthin beschließt Dodi ins Ritz zurückzukehren. Es zeichnet sich ein Muster ab: Nichts läuft nach Plan.
Überforderung
Über viele Jahre ist der königliche Personenschutz für die Sicherheit von Diana zuständig. Aber sie misstraut der erprobten Infrastruktur und lehnt die Bewachung zunehmend ab. So sind nur noch zwei private Bodyguards bei ihnen, Trevor Rees-Jones und Alexander »Kes« Wingfield. Rees-Jones, ihr persönlicher Bewacher, wird später der einzige Überlebende des Unfalls sein.
Der neue Mann
Henri Paul, 41,
Sicherheitschef vom Ritz, soll die Lücke im Team vor Ort füllen. Dodi ist sein Chef. Nach der Abholung des Gepäcks vom Flughafen hat er eigentlich frei, spielt Tennis und trinkt danach etwas Alkohol. Erst spät am Abend ereilt ihn der Auftrag, die Bodyguards zu unterstützen. Er kann oder will nicht ablehnen. Sein Vorteil: Er kennt das Hotel und seine Ausgänge zu beiden Seiten besser als jeder andere. Was niemand weiß: Er hat ein Alkohol- und Tablettenproblem.
Die Nacht beginnt
Überwachungskameras des Hotels erfassen vor und im Haus die Vorgänge bis zur späteren Abfahrt von Dodi und Diana. Dabei sind die Timecodes nicht immer korrekt. Sie weichen von den tatsächlichen Zeiten etwas ab.
22:06 Uhr
Henri Paul, der spätere Fahrer des Unfallwagens, kommt mit seinem Privatwagen zum Hotel zurück. Noch ist es am Vordereingang ruhig. Je später der Abend wird, umso mehr spricht sich herum, dass Diana und Dodi im Ritz sind.
Ab 23 Uhr versammeln sich rund 150 Schaulustige und dutzende Fotografen vor dem Hotel. Paul geht in die Bar und trinkt zwei Pastis. Die beiden anderen Bodyguards dachten, es sei Ananassaft. Die Polizei wird später einen Alkoholgehalt von 1,8 Promille feststellen.
Bis 00:05 Uhr
Die Aufnahmen der Kameras zeigen, dass Paul mindestens fünf Mal zu den Fotografen geht. Er verspricht ihnen, dass sie »ihre Bilder« noch bekommen werden. Er wirkt sehr aufgedreht. Man sieht vor dem Haupteingang den Range Rover und den Mercedes S600. Sie dienen als Ablenkung für die Schaulustigen.
Ein weiterer Mercedes S280 steht schon in einer Garage bereit. Es ist ein ehemaliger Unfallwagen, der laut der Stammfahrer des Hotels nur langsam bewegt werden sollte. Meist wird er nur für Besorgungen benutzt. Der Zustand des Wagens wird später eine entscheidende Rolle spielen.
00:06 Uhr
Dodi und Diana verlassen ihre Suite. Kurz vorher nahmen sie dort ihr Dinner ein. Vor der Tür wacht Dodis Bodyguard »Kes« Wingfield. Beim Essen fasst Dodi den Plan, nochmals zu seiner Wohnung zurück zu fahren. Wieder sind die Bodyguards völlig unvorbereitet und wirken zunehmend überfordert.
Nie wurde die Frage geklärt: Warum verlassen sie so spät noch das sichere Hotel? Im ersten Stock treffen die drei auf Henri Paul und Dianas Leibwächter Trevor Rees-Jones.
Dodi hatte offenbar kurzfristig entschieden, dass Henri Paul, der kein professioneller Chauffeur ist, den Wagen fahren soll. Wingfield wird der Mercedes S600, der vor dem Haupteingang steht, zugeteilt. Die Gruppe teilt sich. Dodi und Diana, Henri Paul und Rees-Jones gehen über den langen Flur des ersten Stocks in den hinteren Bereich des Gebäudes.
Im Fahrstuhl
Um 00:08 Uhr befinden sich die Vier im Personalaufzug.
Er hält im Service-Bereich, auf der Rückseite des Ritz.
Finale am Hinterausgang
Die Kameras erfassen eine letzte zärtliche Geste. Diana schmiegt sich an Dodi, während sie mehrere Minuten auf ihr Fahrzeug warten.
Es ist soweit.
Der Wagen fährt vor. Die Gruppe verlässt das Ritz durch den Hinterausgang. Henri Paul übernimmt den Wagen.
Das letzte Foto
Am Hintereingang haben sich drei Fotografen postiert. Einer von ihnen ist Jaques Langevin, ein renommierter Kriegsfotograf. Erst kurz vorher wurde er damit beauftragt, Dodi und Diana abzupassen. Er macht das letzte Bild der lebenden Lady Di, Prinzessin of Wales.
Ein Paparazzi ist er nicht. Er sagt:
»Ich war da. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und habe mir zum ersten Mal das Gegenteil gewünscht.«
»Ich werde immer der Fotograf aus der Nacht sein, in der Diana starb.«
Später wird Langevin zur Unfallnacht befragt und vorläufig festgenommen.
Die Todesfahrt
beginnt
Das Fahrzeug beschleunigt rasant auf ein hohes Tempo. Mit bis zu 160 km/h wird der Wagen durch Paris schießen. Verkehrskameras können dies nicht belegen.
Geänderte Route
Professionelle Fahrer hätten eine direktere Strecke gewählt. Doch Henri Paul entscheidet sich für die Fahrt durch den Alma-Tunnel. Eines der Rätsel, die nie gelöst wurden. Mit hoher Geschwindigkeit fährt er auf den Tunnel zu.
Der Tunnel in Sichtweite
Um 00:25 Uhr erreicht der Mercedes die Tunnel-Zufahrt.
Von der rechten Seite hat sich ein weißer Fiat Uno vor den Mercedes eingeordnet. Fast gleichzeitig fahren sie in den Tunnel ein. Henri Paul beschleunigt den Wagen auf 130 km/h und setzt zum Überholen an.
Fatale Begegnung
Am Eingang der Unterführung kommt es wohl zu einem Zusammenstoß zwischen den beiden Fahrzeugen. Das linke Fiat-Rücklicht wird später am Unfallort gefunden. Vom Fahrer und dem Wagen fehlen bis heute jede verlässliche Spur.
Der 13. Pfahl
Henri Paul hat nach der Berührung mit dem Fiat die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Mit 105 km/h prallt der Mercedes gegen den 13. Stützpfeiler des Tunnels.
Zerschmettert
Durch die Heftigkeit des Aufpralls macht der Wagen eine Drehung um 180 Grad und kommt am Bordstein der Tunnelwand zum Stehen. Der Fiat muss am Unfallwagen vorbeigefahren sein. Er ist nicht mehr im Tunnel, als erste Zeugen ihn erreichen.
Jeder Zentimeter untersucht
Sofort nach dem Unfall wird der Tunnel gesperrt und forensisch analysiert. So konnte der exakte Weg des Fahrzeugs ermittelt werden.
Kampf ums Überleben
Zufällig ist ein Notarzt der erste Zeuge, der kurz nach dem Unfall den Unglücksort erreicht. Frederic Mailliez öffnet eine der hinteren Türen und stellt fest, dass es vier Opfer gibt, die alle nicht angeschnallt sind. Für den Fahrer und Dodi kommt jede Hilfe zu spät. Trevor Rees-Jones atmet normal. Um ihn kann er sich später kümmern. Lady Di findet er sitzend im Fußraum des Wagens. Sie kann nur mit Mühe atmen und ist nicht ansprechbar. Er beatmet sie mit einem Beutel. Sie kommt zu sich. Anschließend ruft er den Rettungsdienst an.
Fotograf Jaques Langevin ist auf dem Weg zu seiner Agentur. Durch Zufall schlägt er die selbe Route ein wie Dodi und Diana. Er sieht das Blaulicht und geht hinunter in den Tunnel. Dort macht er Fotos, die aber nie veröffentlich werden.
Bergung der Opfer
Nachdem die Rettungskräfte die beiden Überlebenden versorgt haben, versuchen sie sie aus dem Autowrack zu befreien. Dieser Vorgang dauert eine Stunde. Als sie Diana endlich befreit haben, bleibt ihr Herz plötzlich stehen. In diesem Moment begreifen die Sanitäter erst den Ernst ihrer Lage.
Auf Kriechfahrt ins Krankenhaus
Nach der Wiederbelebung setzt Dianas Herzschlag wieder ein. Sie wird in den Krankenwagen gebracht und dort notoperiert. Gegen 01:40 Uhr setzt sich der Notarztwagen endlich in Bewegung und fährt in Richtung Krankenaus.
Da jede kleinste Erschütterung für Diana tödlich sein könnte, fährt der Krankenwagen in Schrittgeschwindigkeit. Um etwa 2 Uhr, kurz vor Ankunft am Krankenhaus, bleibt er plötzlich stehen, da Dianas Blutdruck erneut abfällt. Um sie zu stabilisieren, bekommt sie Dopamin.
Der aussichtslose Kampf
Gegen 02:06 Uhr kommen sie im Krankenaus an. Diana wird mehrfach reanimiert. Bis um 04:05 Uhr kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Vergeblich. Diana ist tot.
Letztes Geleit
Im Krankenhaus wird Diana von ihrem Butler und ihrem Privatchauffeur identifiziert. Später treffen Charles und ihre Schwestern ein. Sie nehmen den Sarg mit nach London. Er ist verhüllt mit dem »Royal Standard«, die Flagge der Königin. Eine letzte Ehre, die ihr Charles erweist.
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Text: Elisabeth Borchardt, Christian Krug
Research: Tanna Nankivell, Elisabeth Borchardt, Jan Schwochow