Jedes Jahr stellen die Kinder ihre Stiefel vor die Tür und hoffen auf eine süße Überraschung. Aber wieso gibt es den Brauch überhaupt? Gab es den Nikolaus wirklich und warum feiern wir ihn ausgerechnet am 6. Dezember?
Die Figur des heiligen Nikolaus ist vermutlich eine Verschmelzung zweier historischer Personen: des Bischofs Nikolaus von Myra und des Abts Nikolaus von Sion.
Nikolaus von Myra lebte im 4. Jahrhundert. Mit 19 wurde er zum Priester geweiht und kurz darauf zum Bischof von Myra ernannt. Der Überlieferung nach nahm er am ersten ökumenischem Konzil der Kirchengeschichte teil. Irgendwann zwischen den Jahren 343 und 351 soll er an einem 6. Dezember gestorben sein.
Die Legenden um Nikolaus von Myra verbinden sich mit denen des gleichnamigen Abtes von Sion und späteren Bischofs von Pinara, der im 6. Jahrhundert lebte und genauso hilfsbereit war.
Dass der heilige Nikolaus wohl ein Bischof war, spiegelt sich in seiner Kleidung wider: Im süddeutschen Raum besteht diese bis heute aus dem traditionellen Gewand, Stab und Mütze des Bischofs. Im Norden zeigt sich der Nikolaus dagegen als alter Mann mit weißem Rauschebart und rotem Mantel – und erinnert damit an den Weihnachtsmann.
Über die historische Figur des Nikolaus sind nur wenige belegte Tatsachen bekannt, dafür existieren umso mehr Legenden. Die Bekannteste erzählt von einem verarmten Mann, der aus Verzweiflung kurz davor ist, seine drei Töchter zur Prostitution zu schicken.
Um dies zu verhindern soll Nikolaus nachts drei Goldstücke durch das Fenster oder den Kamin geworfen haben, wo sie in die zum Trocknen aufgehängten Socken gefallen sind. Seither gilt der Nikolaus als Schutzpatron der Kinder – und beschenkt sie in der Nacht.
Gefestigt und ausgebaut wurde der Brauch durch das »Bischofsspiel«, das im Mittelalter in den Klosterschulen gespielt wurde: Ein Schüler wurde für einen Tag zum Bischof ernannt und durfte die anderen für ihr Benehmen belohnen oder bestrafen. Ursprünglich fand das Bischofsspiel am 28. Dezember – dem »Tag der Unschuldigen Kinder« – statt, später wurde es auf den Nikolaustag gelegt.
Aus dem Klosterspiel entwickelt sich schließlich die Tradition, dass ein als Nikolaus verkleideter Mann am 6. Dezember Familien besucht, um artige Kinder zu belohnen und unartige zu bestrafen. Das Bestrafen überlässt er seinem unheimlichen Kollegen, der je nach Region anders heißt: Knecht Ruprecht, Pulterklas oder auch Rupsack. Heute ist Knecht Ruprecht größtenteils aus den Wohnungen verbannt.
Als großer Wohltäter und Gabenbringer wird der Nikolaus mit der Zeit zum beliebtesten Heiligen der katholischen Kirche. Doch während der Reformation lehnt Martin Luther die Legenden und Bräuche um den heiligen Nikolaus als »kyndisch Ding« ab.
Trotz seiner Bemühungen den katholischen Kult durch das weihnachtliche Schenken des Christkindes zu ersetzen, halten die Menschen an dem lieb gewonnen Nikolausbrauch fest.
Und so gelangt der Nikolaus, der in Holland Sinterklaas genannt wird, durch niederländische Auswanderer sogar bis nach Amerika. Aus seiner Figur entwickelt sich Santa Claus, der als Vorbild für den Weihnachtsmann dient.
Aus christlicher Sicht hat der US-amerikanische Santa Claus der Werbe- und Geschenkeindustrie allerdings nichts mit dem Nikolaus, der einem in der Nacht den Schuh mit kleinen Leckereien füllt und für Nächstenliebe und Schutz steht, zu tun.
Creative Direction: Jan Schwochow
Grafik und Animation: Jina Bae
Text & Research: Elisabeth Borchardt