Hamburg verliert mit Uwe Seeler ein Stück von sich selbst, sagt der Bürgermeister der Hansestadt. Christian Krug kannte ihn seit seiner Geburt. Ein Abschied in 21 Bildern.
A Star is Born
Als Uwe Seeler gerade mal 17 Jahre alt war, entdeckte der Bundestrainer Sepp Herberger den Hamburger. Von da an spielte er 16 Jahre in der Nationalmannschaft. Aber die vielen Tore, die er schoss, machten ihn nie aus. Uwe Seeler wurde als Mensch geschätzt. Und gefürchtet. Ehemalige Mitspieler wie Manfred Kaltz berichten noch auf der Trauerfeier angstvoll von Seelers Wutausbrüchen in der Kabine.
Markenzeichen Seitfallzieher
Uwe Seelers bedingungsloser Wille zum Sieg ließ ihn die schönste Ballakrobatik vollziehen. Ein Spiel verloren zu geben, war für ihn erst nach dem Abpfiff möglich. Ob mit dem Hinterkopf, dem Knie oder der Hacke, die Stilistik eines Torabschlusses war Uwe Seeler egal. So erzielte er in 600 Spielen allein für den HSV 500 Tore.
Das Herz Hamburgs
Als der HSV 1960 den 1.FC Köln im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft mit 3:2 schlug, war es endlich soweit: Der Bann war gebrochen, die Stadt hatte ihre Helden gefunden. Auf dem Gruppenbild mit Schale versteckt sich Uwe Seeler in der zweiten Reihe rechts neben dem Trainer Mahlmann. Unten rechts kniet der Vater unseres Autors: Gerd Krug, der Uwe seit seiner Jugend kannte.
Überlebensgroß
wurden die Fotos der Meistermannschaft im Stadionflur der Geschäftsstelle aufgehängt. Bis heute mahnen sie die heutigen Spieler an die glorreichen Zeiten. So wie das Bild von Gerd Krug aus den 60er Jahren.
»Wir hatten bei all dem Erfolg auch immer viel Spaß«, sagte Gerd oft. »Uwe war zwar unglaublich ehrgeizig, aber hatte auch ein großes Herz. Wir waren eine große Familie, die sich blind vertraute.«
Millionen Menschen auf den Straßen.
Als die Spieler nach dem Gewinn der Meisterschaft in Hamburg ankamen, fuhren sie in Käfer-Cabriolets durch die Stadt zum Rathaus. Millionen Menschen jubelten an den Straßen und bestürmten die Spieler in den Autos. Dabei hatte Hamburg damals gar nicht so viele Einwohner. Die Fans kamen aus ganz Norddeutschland zu der größten Party, die die Stadt je erlebt hatte. Bis heute kamen nie wieder so viele Menschen zusammen.
Sportfoto des Jahrhunderts
Der Fotograf Sven Simon schoss dieses Bild von Uwe Seeler nach dem historischen WM-Finale in London 1966. Nach dem umstrittenen 3:2 in der Verlängerung scheint er dem Zusammenbruch nah. Simon gab dem Bild damals eine Unterschrift: „Vom Kampf gezeichnet, vom Gegner geschlagen, an einem Irrtum zerbrochen.“
Uwe behauptete später, das Bild sei ein Missverständnis, er hätte nur einen lockeren Schnürsenkel gehabt und blicke deshalb so tief.
Kleiner Mann, ganz hoch
Seeler lebte von seiner gewaltigen Sprungkraft. Selbst nur rund 168 Zentimeter groß, überragte er im Flug fast alle. Von seinen Mitspielern wurde er nur »der Dicke« genannt. Uwe nannte ihn niemand. 1970 wollte er in Mexiko endlich Weltmeister werden, um seine Karriere zu krönen, aber dieser Titel blieb ihm immer versagt. Bei der Trauerfeier zu seinen Ehren sagte der DFB-Präsident: »Seeler brauchte keine Titel, um ein Idol zu werden.«
Zwei Große so verschieden
Uwe spielte noch lange in der Altligamannschaft des HSV. So kam er auch mit Günter Netzer Ende der 70erJahre zusammen aufs Spielfeld. Netzer und Seeler waren grundverschieden. Seeler war immer bescheiden, auch als berühmtester Bürger der Stadt. Netzer zeigte sich als Spieler schon gern im Nerzmantel und Ferrari. Freunde waren sie nie. Netzer war auch einer der wenigen Weggefährten, die nicht zur Trauerfeier erschienen sind.
Andere kriegen eine Büste
Uwe bekam einen gigantischen Fuß von der Bildhauerin Brigitte Schmitges in Bronze gegossen. Uwe war der Personenkult immer peinlich. Er stand abseits des Platzes ungern im Mittelpunkt. Und dass sein Fuß riesig und die seiner Mitspieler drumherum nur winzig abgebildet waren, kam ihm, dem Mannschaftskameraden, ganz schofelig vor. Er gab im Stadion unzählige Biere aus, um sich dafür zu entschuldigen.
Daumen hoch
Es gibt wahrscheinlich kaum einen Menschen, der diese Geste öfter machte. Uwe war ein Optimist. In den größten Krisen sah er immer noch den Funken Hoffnung. Als 1965 seine Achillessehne riss, glaubten viele an sein fußballerisches Ende. Er nicht. Er ging zum Mannschaftsarzt Dr. Fischer. Der, sagt heute seine Tochter, flickte die Sehne mit einem Seemannsknoten zusammen. Ein Geheimnis, dass Uwe immer für sich behalten hatte.
Treue ist nicht nur ein Wort
Sein Herz hatte die Form einer Raute, das hätte man bei einer Obduktion sicher festgestellt. Als ihm Inter Mailand im Höhepunkt seiner Karriere einen Koffer voller Geld mitbrachte, um ihn nach Italien zu locken, blieb er bei seinem Verein. Diesen Moment der bedingungslosen Treue vergessen ihm die Fans, vergisst ihm die Stadt nie. Bürgermeister Tschentscher sagt es so: »Hamburg verliert mit Uwe Seeler ein Stück von sich selbst.«
Schweigen aus Sorge
In den letzten Jahren sah man Uwe immer sorgenvoller im Stadion. In Interviews sagte er vor den Spielen zwar immer, der HSV würde sicher gewinnen, aber er war meist vom Gegenteil überzeugt. In der Loge von Delta-Fleisch hatte er seinen Stammplatz. Dort traf man ihn hinter der Glasscheibe. Er blickte kaum aufs Spielfeld, so sehr quälte ihn die Spielweise und das Unvermögen seiner Nachfolger auf dem Platz. Doch er hielt sich mit öffentlicher Kritik immer zurück. Er wollte die Lage durch böse Kommentare nicht noch verschlimmern.
Kein Brimborium
Ilka Seeler, die Frau an Uwes Seite für so viele Jahrzehnte, wünschte sich eine Trauerfeier ohne großen Pomp. Ein Mann am Klavier (Joja Wendt), ein Männerchor, ein paar Kränze und freier Zugang für die Fans. Am Ende sprach ein Freund der Familie, der Comedy-Künstler Olli Dittrich. Und es war so, wie Uwe es sich gewünscht hätte: Trockener Humor trifft auf steife Hanseaten und bringt alle zum Lachen in der traurigsten Stunde.
Vier Gäste, ein Zeichen
Otto Waalkes, Olaf Scholz, Olli Kahn, Philipp Lahm, sie und viele andere Prominente kamen und erweisen Uwe Seeler, den alle nur »Uns Uwe« nennen, die letzte Ehre. Alle sprachen auf der VIP-Tribüne nett miteinander, alle Fehden schienen begraben. Auch das hätte sich der Harmoniemensch Seeler gewünscht. Fußball verbindet die Menschen, das war einer seiner Sätze.
Letzter Gruß
Der Bronzefuß geschmückt mit Schals und allerlei Kuriositäten. Allein das Bild zeigt die Liebe der Fans zu ihrem Idol am Tag des Abschieds. Einer hat sogar seine Badelatschen abgelegt zum letzten Gruße. Und es finden sich Schals von Fanclubs der ganzen Republik am Denkmal. Sogar eine Mütze aus Bremen ist dabei. Während der Trauerfeier platzierte ein Fan ein Bild vor dem Stadion. »Uns Uwe« steht da.
Für immer.
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Text: Christian Krug