Die Jugoslawen brauchten für ihre Anreise 21 Tage, ein Fotograf schoss eine Flanke – und die Schiedsrichter hatten Leibwächter. Die erste Fußball-Weltmeisterschaft war unglaublich. Eine Zeitreise zu den Anfängen
Schon bei der WM-Vergabe 1929 nahm das Schauspiel seinen Lauf, als sich letztendlich nur Uruguay für die Austragung meldete.
Denn als bekannt wurde, dass das Gastgeberland alle Kosten selbst tragen sollte, zogen sich die übrigen Bewerber zurück. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er wollte sich sonst niemand ein so teures Spektakel leisten.
Eine Qualifikation für die WM gab es nicht – man war vielmehr froh über jeden, der überhaupt teilnehmen wollte. Als die Anmeldefrist sechs Monate vor Spielbeginn endete, lagen gerade mal neun Anmeldungen vor.
Europäische Anmeldungen gab es zu diesem Zeitpunkt keine. Neben der langen Anreise um die halbe Welt störten sich die Europäer auch an der Zulassung von Profis: Fußball war dort in erster Linie ein Amateursport.
Also ging der FIFA-Präsident auf Klingeltour durch Europa. Auch Uruguay ließ nichts unversucht und bot Spanien und Italien sogar Geld für die Teilnahme. Doch auch das nützte nichts: Zwei Monate vor Spielbeginn gab es noch immer keinen europäischen Teilnehmer.
Als dann die Lateinamerikaner mit einem Austritt aus der FIFA drohten,
lenkten schließlich vier europäische Länder ein: Frankreich, Belgien, Jugoslawien und Rumänien fuhren zur WM.
Frankreich, Belgien und Rumänien begaben sich gemeinsam auf die 14-tägige Schiffsreise über den Atlantik.
Um halbwegs in Form zu bleiben, standen jeden Morgen Gymnastikübungen und Bockspringen auf dem Plan.
Die jugoslawische Mannschaft benötigte sogar 21 Tage für die Anreise.
Drei Tage davon waren die Spieler mit dem Zug in der dritten Klasse unterwegs.
Sie schliefen auf Holzbänken.
Es wurde nicht nur beim Komfort der Anreise gespart: Auch auf einen Trainer verzichteten die Jugoslawen.
Dies wirkte sich wohl auch auf die Fitness der Spieler aus: Der jugoslawische Torwart Jakcic kam mit 16 Kilo mehr auf den Rippen in Südamerika an.
In Uruguay fällt der Juli in den Winter. Wegen Minusgraden und wochenlangem Dauerregen wurde das WM-Stadion nicht rechtzeitig fertig. Die Auftaktspiele mussten daher in Ausweichstadien stattfinden.
Erst fünf Tage und acht Spiele später wurde das Turnier mit einem feierlichen Einmarsch der Mannschaften ins WM-Stadion offiziell eröffnet.
Zu diesem Zeitpunkt waren einige Länder bereits ausgeschieden.
Auch die Spiele boten allerlei Kuriositäten. Beim Spiel Argentinien gegen Frankreich pfiff der Schiedsrichter die Partie sechs Minuten zu früh ab – ausgerechnet als ein Franzose gerade frei auf das argentinische Tor zulief, um den Ausgleich zu schießen.
Im Halbfinale zwischen Jugoslawien und Uruguay wurden offensichtliche Abseitstore gezählt. Es wurde aber noch skurriler: Ein Fotograf soll einen Ball aus dem Aus in den Strafraum geflankt haben, worauf Uruguay ein Tor erzielte.
Schließlich stand das Finale zwischen Uruguay und Argentinien an. Die Stimmung vor dem Spiel war so hitzig, dass der Schiedsrichter auf Leibwächter hinter beiden Toren bestand.
Schüsse auf den Rängen
In Uruguay wurden Tore traditionell mit Salutschüssen aus dem Revolver gefeiert. An den Eingängen zum Stadion wurden etwa 1600 Revolver eingesammelt.
Trotz allem brach eine große Euphorie rund um die erste Fußball-WM aus. Nachdem gerade mal 11.000 Zuschauer:innen für die Auftaktspiele ins Stadion kamen, sahen schätzungsweise bis zu 100.000 Menschen das Finale im Centenario-Stadion.
Am Ende durfte der Gastgeber Uruguay den Pokal in die Höhe stemmen, nachdem er gegen Argentinien mit 4:2 gewann.
Creative Direction: Jan Schwochow
Grafik, Illustration und Animation: Ronny Träger
Text und Research: Johannes Rößner