Was Zwangsarbeit mit deinem T-Shirt zu tun hat

In der Region Xinjiang im Westen Chinas wird Baumwolle unter Zwang gepflückt. Das könnte auch deutsche Modemarken betreffen. Woher wir das wissen? Eine Satellitenanalyse.

Made in China?

Gewebt aus Baumwolle?

Dann ist die Wahr­schein­lich­keit groß, dass sie von uigurischen Zwangs­arbeitern in der Region Xinjiang geerntet wurde.

Mit Baumwoll-Proben aus der Region Xinjiang wurde in einem Labor eine Isotopen-Analyse angefertigt. Damit kann man eine Art Finger­abdruck der Baumwolle erstellen, mit dessen Hilfe man hinterher mit hoher Wahr­scheinlichkeit zuordnen kann, ob die Baum­woll­fasern eines T-Shirts aus derselben Region stammen – oder nicht.

Für die Analyse wird die Baum­wolle erst mit Stick­stoff gefrier­ge­trock­net, …

das in einer Maschine zu Pulver gemahlen und an­schließend in Portionen von einem Milligramm ab­gewogen wird.

Mehr als 100 solcher Proben werden im Labor nach ihrer genauen chemischen Zusammen­setzung unter­sucht. 

Baumwolle aus Xinjiang unter­scheidet sich deutlich aus anderen Regionen Chinas und der Welt.

Hier siehst du, wo in Asien Baumwolle wächst.

Die größten Anbaugebiete liegen im Westen Chinas, in der Heimat der muslimischen Min­der­heit der Uiguren. Dort werden knapp 90 Prozent der chinesischen Baumwolle angebaut. Das ist ein Fünftel der weltweiten Baum­woll­pro­duktion. Die chinesische Regierung behauptet, 85 Pro­zent der Felder würden von Maschinen, nicht von Menschen geerntet.

Eine Satelliten-Analyse legt allerdings nahe, dass die Zahlen der chinesischen Regierung nicht stimmen können. So ist das Re­cherche­team draufgekommen:
Sie haben zunächst Daten gesammelt, wo exakt in Xinjiang Baumwolle wächst. Den Schlüssel dazu lieferten visuelle Hinweise während der Aussaat im Frühjahr 2021.  Die Ergebnisse hat das Team mit statistischen Daten aus den offiziellen Jahrbüchern der Regierung ab­ge­glichen. Die gesamte Anbaufläche Xinjiangs wurde dann mit Aufnahmen des ESA-Satelliten »Sentinel-2« untersucht und dadurch Muster gefunden, nach denen die Felder während der Ernte im Herbst ihre Farbe verändert haben. 

Ein schneller Wandel von weißer, blühender Baumwolle zu brauner Erde ist ein Indiz für die Ernte mit Maschinen.

Eine langsame Ausdünnung ist ein Zeichen für Handernte.

Felder, die von Maschinen geerntet wurden, sind auf der Karte grün eingefärbt; rot die Flächen, auf denen Menschen zur Erntezeit gearbeitet haben. 

Ingesamt wurden 2,7 Millionen Hektar ana­ly­siert, eine Fläche, vier Mal so groß wie Deutsch­land.

Das Ergebnis: Anders als von der chinesischen Regierung behauptet, wurde laut Unter­suchung mehr als ein Drittel der Baumwolle in Xinjiang per Hand gepflückt.

Bei den anderen Farbflächen handelt es sich um Felder mit Früchten (orange) und sonstige An­bauflächen (blau)

Was auffällig ist: Besonders hoch ist der Anteil von Handernte dort, wo die meisten Uiguren leben – im Süden von Xinjiang, rund um die Großstadt Kaschgar. Dort werden etwa 96 Prozent der Baumwolle per Hand gepflückt.
Genau aus diesem Gebiet stammt der Großteil von Chinas langfaseriger Baumwolle, die als hochwertig gilt und bevorzugt in Textilien für den westlichen Markt verwendet wird.

Wie ist der Zusammenhang zwischen Uiguren und Baumwolle-Zwangsarbeit?

Zeichnet man die existierenden Inter­nierungs­lager in derselben Karte ein, sieht man deutlich, dass sich die Lager ganz in der Nähe der Baum­wollfelder befinden.  

Art der Internierungslager:

• Gefängnisse
• Internierungslager
• Camps
• Sonstige

Laut UNO leben mehr als eine Million Uiguren oder andere An­gehörige muslimischer Minder­heiten als Zwangsarbeiter in West­china.

Die meisten von ihnen leben in der Region um Kaschgar.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass unterdrückte Minderheiten zur Ernte und Verarbeitung von Baum­wolle gezwungen werden.

Das European Center for Constitutional and Human Rights, eine gemeinnützige Menschen­rechts­organisation, hat bereits im Sep­tember 2021 Strafanzeige gegen mehrere bekannte deutsche Textilmarken und Händler wie Hugo Boss, C&A und Lidl gestellt. Die Nicht­regierungs­organisation wirft den Unter­nehmen vor, direkt oder indirekt von der mut­maßlichen Zwangs­arbeit der Uiguren zu profitieren – und in Verbrechen gegen die Mensch­lich­keit involviert zu sein.

Alle Unternehmen widersprachen den Vorwürfen. Realistisch ist das nicht.

Das Rechercheteam des investigativen Formats STRG_F konnte in Zusammenarbeit mit dem Agroisolab Jülich und der Fach­hoch­schule Nieder­rhein über die Isotopen-Analyse nachweisen, dass in T-Shirts und Hemden von Adidas, Hugo Boss, Puma, Jack Wolfskin und Tom Tailor mit hoher Wahrscheinlichkeit Baumwolle aus Xinjiang verarbeitet wurde.

Mitte September 2022 hat die EU-Kommission eine neue Ver­ord­nung angekündigt, die es den Unternehmen der Mitgliedstaaten untersagt, Produkte aus Zwangs­arbeit zu importieren. Die Beweis­last liegt allerdings bei den nationalen Zollbehörden, nicht bei den Unternehmen selbst.

0
0
Share
Veröffentlicht am 06.09.2022
Credits

Grafik & Animation: Jan Schwochow
Text & Research: Marcus Pfeil (Vertical52), Manuel  Daubenberger & Florian Guckelsberger (NDR)

Quellen
  1. 01TV-Doku bei STRG_F: Baumwolle aus China-Zwangsarbeit?https://youtu.be/w0bhOilZ29Q
  2. 02Vertical52https://vertical52.org/
  3. 03FOTOS: GETTY IMAGEShttps://www.gettyiamges.de
Kontakt
Schwochow Visual Stories
Dunckerstr. 1a
10437 Berlin
Logo