Warten auf den Ölwechsel

Für viele ist die Öl- und Gaswirtschaft ein Feindbild. Die bittere Wahrheit ist: Die Welt wird das Öl noch lange brauchen. Und am Klimaschutz werden die Ölmultis prächtig mitverdienen

Alles beim Alten
Viele Ölkonzerne stellen ihre Inves­titionen in erneuer­bare Energien zurück und setzen noch einmal auf die Treib­stoffe des 20. Jahr­hunderts – unbeein­druckt von Klima­schützern, die der Öl- und Gas­ge­winnung so schnell wie möglich den Hahn abdrehen wollen. Laut Inter­nationaler Energie­agentur (IEA) investieren Öl- und Gas­konzerne dieses Jahr 500 Milliarden Dollar in fossile Projekte.

Die Erneuer­baren schaffen's nicht
Dass das Geschäft mit den Fossilen trotz aller Klima­schutz­gesetze boomt, liegt aller­dings auch daran, dass der welt­weite Hunger nach bezahl­barer Energie so groß ist, dass er­neuer­bare Energie­quellen ihn vorerst kaum stillen können. Selbst in Deutschland. Unterm Strich wird hier mit gerade mal 17 Prozent aus Erneuer­baren ge­heizt, be­feuert, ange­trieben.

Die endlose Expansion
Wir brauchen Öl und Gas. Noch lange. Für die Pro­duktion von Plastik, das in Flug­zeugen, Autos, Schläuchen und Displays verbaut ist, sich in Farben und Lacken, Pipelines und Tex­tilien ver­steckt. Selbst Wind­räder kommen nicht ohne Schmier­öl, Kunst­stoff und Diesel für den Schwer­transport aus.

Dünger für die Massen
„Ohne synthetischen Ammoniak kön­nten Stand heute nicht mehr als vier Milliarden Men­schen auf der Welt leben“, meint Umwelt­forscher Vaclav Smil. Ammoniak wird aus Erdgas her­ge­stellt, ist Grundlage für praktisch jeden modernen Stickstoffdünger.

Es geht nicht ohne
„Wir werden mit der Ölindus­trie noch lange leben müssen“, sagt Ott­mar Eden­hofer, Direktor des Pots­dam-Insti­tuts für Klima­folgen­forschung (PIK). Er hat Szenarien durch­rechnen lassen, wie sich der Öl­ver­brauch ent­wickeln dürfte, wenn die Welt die Erd­er­wärmung auf 1,5 oder 2,0 Grad begrenzt. Es gibt so gut wie kein Szenario, bei dem der Öl­ver­brauch bis 2050 auf null sinkt. Das PIK erwartet, dass er im besten Fall auf 40 Prozent des heutigen Niveaus gefallen sein wird.

Big Business für Big Oil
Und doch taugt „die Öllobby“ nicht zum Feindbild. Denn die Multis sind nicht (nur) das Problem. Sondern (auch) ein Teil der Lösung: Sie wollen der Atmos­phäre im großen Stil Kohlen­dioxid (CO₂) entziehen und es unter­irdisch ein­lagern. Nur mit diesen „negativen Emis­sionen“ sei das Klima laut Welt­klima­rat IPCC noch zu retten. Es geht um bis zu 680 Milliarden Tonnen CO₂, die bis 2100 unter die Erde müssen.

Klimaschutz der anderen Art
Der Kampf gegen die Erder­wärmung kann deswegen nicht gegen Big Oil gewonnen werden. Sondern nur mit den Öl­multis, die sich gerade neu erfinden: als CO₂-Müll­abfuhr der Industrie. Wie die Finanz­kraft und die Hightech der Bran­che ein­ge­setzt werden können, um das Klima zu retten, lesen Sie in unserer Titel­geschichte.

→ In der aktuellen Ausgabe der Wirtschafts­woche erfahren Sie alles über die größten Treiber und lesen, wie der Terror­angriff der Hamas auf Israel den Ölmarkt beeinflusst.

0
0
Share
Veröffentlicht am 12.10.2023
Credits

Text: Thomas Stölzel, Martin Seiwert
Fotos: PICTURE ALLIANCE/AP PHOTO; IMAGO IMAGES/XINHUA, IMAGO IMAGES/FUNKE FOTO SERVICES/RETO KLAR; PR; Getty Images
Infografik: WiWo-Grafik Grafik und Animation: Jan Schwochow (Scrollytelling GmbH)
Produktion: Nele Justus, Christian Krug (Scrollytelling GmbH)

Quellen
  1. 01WirtschaftsWochehttps://www.wiwo.de/29427842.html
Kontakt
WirtschaftsWoche
WirtschaftsWoche
Handelsblatt GmbH
Toulouser Allee 27
40211 Düsseldorf