Künstler und Kulturschaffende fühlen sich von der politischen Korrektheit bedroht: Ein falsches Wort, und du stehst im Sturm. Wie frei ist die Kunst heute noch?
Die Autonomie der Kunst war das große Projekt der Moderne. Ihr sollten durch keine Moral Fesseln angelegt werden. Der Künstler, das Originalgenie, sollte gegen jeden guten Geschmack verstoßen dürfen, das war seine job description. Nun aber werden die Künste immer stärker auf die neueste Moral der Gegenwart festgelegt, damit ja niemand an ihnen Anstoß zu nehmen braucht.
Das betrifft zum einen das kulturelle Erbe: Wo die Moralvorstellungen der Gegenwart und der Vergangenheit zu weit auseinanderklaffen, wird korrigierend in die Überlieferung eingegriffen. Mark Twains Roman Tom Sawyer und Huckleberry Finn wird um das berüchtigte N-Wort bereinigt.
An die Berliner Gemäldegalerie ergeht der Aufruf, Caravaggios berühmtes Gemälde Amor als Sieger, das einen nackten, sehr appetitlichen Knaben mit geradezu draufgängerischem Geschlechtsteil zeigt, abzuhängen, weil es Pädophilie verherrliche.
Es betrifft aber auch die zeitgenössische Kunstproduktion. Heute lautet die zentrale Frage nicht mehr: Was hat einer zu sagen? Sondern: Wer spricht? Beziehungsweise: Wer darf über was sprechen? Darf Scarlett Johansson eine Transperson spielen?
Natürlich nicht! In dem Film Rub and Tug sollte sie einen Transmann spielen. Es hagelte aber aus der Transgender-Community so viel Kritik, dass sie wegen »jüngster moralischer Zweifel« lieber auf die Rolle verzichtete.
Darf eine weiße Musikerin mit Dreadlocks auf einem Konzert für Fridays for Future spielen? Nur wenn sie sich ihre Dreads abschneidet, wie Sängerin Ronja Maltzahn erfahren musste.
Sie wurde ausgeladen, weil Dreadlocks bei weißen Menschen eine Form der Kulturellen Aneignung seien, wie es von Seiten der Organisatoren hieß.
Stellt sich die Frage: Was ist heute schon zu viel? Zu was führt politische Korrektheit und moralische Panik?
In Florida haben gerade Eltern dafür gesorgt, dass eine Schulleiterin ihren Stuhl räumen musste, weil im Kunstunterricht Michelangelos nackter David gezeigt worden war.
Das erinnert an die Zeit der Gegenreformation, als die Kirchenfürsten für Ordnung sorgten und damit begannen, die Geschlechtsteile auf ihren Renaissance-Gemälden und Skulpturen mit Feigenblättern zu bedecken.
Text: Ijoma Mangold
Fotos: Montage: DZ (verw. Foto: Erich Lessing/akg; Detail eines anonymen Gemäldes aus der Schule von Fontainebleau, um 1594); en.wikisource.org; Getty Images (Amor als Sieger, Scralett Johansson, David Statue); instagram.com/ronjamaltzahn
Illustration: José Navarro für DIE ZEIT
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Johannes Mitterer