Von den Jahren zwischen Geburt und Erwachsensein scheint alles abzuhängen. Dabei beeinflussen Eltern das Lebensglück ihres Nachwuchses weniger, als sie denken
Was ist das, eine glückliche
Kindheit?
Und braucht man sie wirklich? Was, wenn man sie nicht hatte?
Bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert galten nur Erwachsene als vollwertige Menschen. Erst die bürgerliche Gesellschaft entdeckte den Wert von Bildung und Erziehung. Und Sigmund Freuds Psychoanalyse machte die Kindheit schließlich zur Wiege der Persönlichkeit.
Das macht die Kindheit für viele zu einem mystischen Meer, in dem sie nach Erklärungen für das eigene Leben fischen.
Doch die Zeit vor dem Erwachsensein ist oft weniger bedeutsam, als wir glauben.
Eine Untersuchung von Scheidungskindern in der Schweiz ergab, dass etwa ein Fünftel von ihnen später mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Das bedeutet aber auch: vier Fünftel der Scheidungskinder haben keine Probleme. Und die Zahl der Kinder mit psychischen Auffälligkeiten liegt in der Gesamtbevölkerung ebenfalls bei einem Fünftel.
Wie wir sind und wie wir wurden, was wir sind, ist ein kompliziertes Geflecht, in dem Kindheitserfahrungen nur eine Komponente sind. Und bei vielem fängt die Wissenschaft gerade erst an, die Zusammenhänge zu verstehen.
ZEITmagazin-Redakteur Tillmann Prüfer hat mit Persönlichkeitspsychologinnen, Neurowissenschaftlerinnen und Kinderpsychiatern über die Folgen der Kindheit gesprochen und gelernt: Die Möglichkeit, ein glücklicheres und zufriedeneres Leben zu führen, liegt meist im Hier und Jetzt – und nicht in einer Aufarbeitung der Vergangenheit.
Text: Tillmann Prüfer
Fotos: Guy Bolongaro für ZEITmagazin
Titelfoto: H. Armstrong Roberts/Getty Images
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Christian Krug, Frederik Seeler, Nele Justus