Vor fast genau 250 Jahren begann der Siegeszug der Emotion – und auch die Dünnhäutigkeit von heute nahm ihren Anfang
1772 vollzog sich nichts Geringeres als die Erschließung einer neuen Welt, die Entdeckung des Ich. Ein kleiner Kreis der Empfindsamen traf sich vor den Toren von Darmstadt, um die neue Macht zu zelebrieren und zu leben. Die jungen Leute trieben sich im Wald herum, ruderten, weinten miteinander, dichteten und lasen sich gegenseitig vor. Darmstatdt wurde zur Hauptstadt des Gefühls.
Der Magnet im Mittelpunkt war der junge Dichter Johann Wolfgang von Goethe. In dieser Zeit schrieb er ein Buch, welches das lesende Europa erschüttern und in einen Gefühlstaumel versetzen würde. Sein Roman handelte von den Leiden des jungen Werther, eines untröstlich verliebten Romantikers, der sich zuletzt im Rausch der Gefühle das Leben nimmt.
Die wichtigste Figur war Karoline, die Landgräfin von Hessen-Darmstadt. Sie hatte in ihrer Stadt alles für diese Residenz der Emotionen vorbereitet. Sie schätzte die Literatur, erwarb eine umfangreiche Bibliothek. Liebe zum Leben und Sympathie mit dem Tode lagen bei ihr eng zusammen.
Der Regent der geistigen Welt war Johann Heinrich Merck, berühmt als Literaturkritiker, hauptberuflich Kriegszahlmeister. Er versammelte um sich herum die Gefühlsbereiten seiner Zeit.
Deutschland schwamm in Emotionen. Im ganzen Land fanden Kongresse der Empfindsamkeit statt, Männer nannten sich selbst tief empfunden »Schwester«. Vieles von dem, was in dieser flüchtigen Epoche begann, ist bis heute in der Welt geblieben.
Das sensiblere Sprechen, aber auch unser verzweifeltes Ringen um die Bewahrung der Natur – es fing an, als der Mensch sich als Teil seiner Umwelt begriff. Auch die Schattenseiten der Empfindsamkeit waren von Beginn an da: Die übersteigerte Empfindlichkeit, ein beleidigtes Ich, das zum kriegsbereiten Planeten wird, das Gefühl als das letzte, unwiderlegbare Argument.
Text: Volker Weidermann
Foto: Nói Crew für DIE ZEIT
Titelbild: Titelbild [M]: Louis Jean François Lagrenée, »Diana und Endymion«, 1768, Schwedisches Nationalmuseum/akg (Detail)
Abb.: Stadtarchiv Darmstadt (SW Version Gemälde); akg; Freies Deutsches Hochstift; Johann Ludwig Strecker/Zeno; Getty Images
Grafik und Animation: Anton Delchmann
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Frederik Seeler