Weltweit setzen Unternehmen zum Erreichen ihrer Klimaziele auf Kompensationen. Dabei haben sie sich offenbar über Jahre mit Zertifikaten freigekauft, die viel weniger CO₂ einsparen als versprochen. Die Geschichte eines globalen Skandals
Was machen Unternehmen auf der ganzen Welt, um ihre Klimabilanz zu verbessern?
Sie gleichen ihre Emissionen aus.
Dafür kaufen sie sogenannte CO₂-Zertifikate. So ist ein Markt entstanden, der über die Jahre explodiert ist.
Der weltweit führende Zertifizierer von CO₂-Kompensationen ist die amerikanische NGO Verra. 75 Prozent aller Emissionen auf dem freiwilligen Kompensationsmarkt werden unter ihrer Aufsicht eingespart.
Ein Baustein wird dabei immer wichtiger: Wälder. Wer das hört, mag denken: Irgendwo auf der Welt pflanzt jemand Bäume. So ist es aber nicht. Die Projektbetreiber versprechen, dass bestehende Wälder geschützt werden.
Einige der größten Konzerne der Welt kompensieren ihre Emissionen auf diesem Weg. Ölkonzerne sind dabei, Autobauer, Digitalfirmen, Logistik-Unternehmen und viele andere.
Der amerikanische Ökologe Elias Ayrey hat sich viele dieser Waldschutzprojekte angeschaut. Und einen Markt entdeckt, »in dem systematisch manipuliert« werde. »Und jeder weiß Bescheid«, sagt er.
Vier Parteien sind an dem Geschäft beteiligt.
Da sind, erstens, die Käufer von CO₂-Zertifikaten, Unternehmen, die sich von ihrer eigenen Verschmutzung freikaufen wollen.
Beispiel Gucci: Das italienische Modeunternehmen verursacht große Mengen an CO₂. Weil es aber seit 2018 all seine Emissionen über Waldschutzprojekte ausgleicht, ist es klimaneutral.
Neben den Käufern sind da, zweitens, die Händler. Meistens Start-ups oder Beraterfirmen, die die Zertifikate vermitteln und verkaufen. Und damit viel Geld verdienen.
Drittens sind da die Projektbetreiber, die dafür sorgen, dass überhaupt Zertifikate auf den Markt kommen – indem CO₂ gebunden bleibt, weil zum Beispiel ein Stück Regenwald nicht wie geplant abgeholzt wird. Auch die Projektbetreiber verdienen an dem Deal.
Die Projektbetreiber wenden sich an Menschen wie Norbil Becerra. Der Bauer lebt in einer Hütte im Schutzgebiet Alto Mayo, ein Regenwald im Norden Perus.
Becerra baut Kaffee und Vanille an. Und er musste den Betreibern des Alto-Mayo-Projekts ein Versprechen geben: Er, Norbil Becerra, werde im geschützten Wald kein Holz mehr schlagen.
Becerra sagt, er habe hier früher nur ab und an einige Bäume gefällt, um damit Geld zu verdienen. Die Existenz dieses Stücks Regenwald hat er nie bedroht.
Als die Projektbetreiber nach Alto Mayo kamen, argumentierten sie: Der Wald wird zerstört, wenn wir nicht eingreifen. Sie meldeten das Kompensationsprojekt zur Zertifizierung an.
Und da kommen, viertens und über allen stehend, die Zertifizierer ins Spiel. Sie entscheiden, wie viele Zertifikate sich die Projekte anrechnen dürfen. In drei von vier Fällen weltweit übernimmt diese Aufgabe Verra. Sie hat eine Aufsichtsfunktion, aber sie ist keine Behörde.
Verra hat eine große Nähe zur Industrie: Allein in seinen Berater- und Interessengremien sitzen laut Website drei Manager des Mineralölkonzerns Shell, auch Mitarbeiter des Pharmariesen Bayer, des Lebensmittelherstellers Danone und des Online-Händlers Amazon.
Verra trägt die Verantwortung dafür, dass nur dann ein Zertifikat ausgegeben wird, wenn tatsächlich CO₂ eingespart wird. Und genau hier liegt das Problem.
Jedes Waldschutzprojekt beruht auf einer Spekulation über die Zukunft. Und jedes Projekt birgt einen natürlichen Anreiz, falsch zu spekulieren: Denn je mehr Abholzung ein Projektbetreiber in seinem Wald erwartet, desto mehr Zertifikate kann er produzieren.
Nun zeigen erstmals zwei Studien, deren Daten die ZEIT, der Guardian und SourceMaterial exklusiv auswerten konnten, wie groß die Missstände in der Branche sind. Die Recherche legt nahe, dass über 90 Prozent aller darin untersuchten Zertifikate wertlos sind. Ein Haufen Schrott.
Das Problem ist: Jedes Mal, wenn sich ein Unternehmen mit einem Schrottzertifikat freigekauft hat, gab es keinen Ausgleich. Im Gegenteil: Teilweise stiegen die Emissionen der Unternehmen sogar. Weil ein Zertifikat auch ein Freifahrtschein sein kann, mehr auszustoßen als zuvor. Und so kommt es, dass eine misslungene Kompensation nicht nur eine verpasste Chance ist, das Klima zu retten, sondern das Klimaproblem sogar noch verschärfen kann.
89 Millionen Tonnen CO₂ sind demnach als Geister-Zertifikate auf dem Kompensationsmarkt gelandet, das entspricht dem jährlichen Ausstoß von Griechenland und der Schweiz zusammen.
Die ZEIT hat Verra mit den Ergebnissen der Studien konfrontiert. Die Organisation weist die Zahlen zurück: Die Studien hätten zwar nützliche Daten geliefert, aber die Schlussfolgerungen seien »falsch«.
Text und Recherche: Tin Fischer und Hannah Knuth – in Kooperation mit der britischen Tageszeitung The Guardian und dem britischen Reporterpool SourceMaterial
Illustration: Rob Dobi
Fotos: Angela Ponce und Grant Hindsley für DIE ZEIT
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Johannes Mitterer, Christian Krug