Wenn der Regierung plötzlich 60 Milliarden fehlen: Was kann sich das Land jetzt noch leisten?
Der Umbau der deutschen Wirtschaft hin zur CO₂-Neutralität war die sinnstiftende Idee, die SPD, Grüne und FDP vor zwei Jahren zusammenführte. Die Förderung der Wasserstoffwirtschaft, die Sanierung der Bahn, Solaranlagen, Ladesäulen, Zuschüsse für den Kauf von Elektroautos oder Subventionen für die Chipindustrie – all das ist nun gefährdet.
60 Milliarden Euro fehlen der Bundesregierung, seitdem das Bundesverfassungsgericht am 15. November die Praxis der Ampel für verfassungswidrig erklärt hat, übrig gebliebene Finanzmittel aus den Corona-Hilfen in den Klima- und Transformationsfonds umzutopfen. Nicht nur etliche Großvorhaben könnten nun verschwinden, sondern auch die Ampel selbst.
Das sorgt vor allem bei den Sozialdemokraten für Unruhe. Im Kanzleramt von Olaf Scholz setzt man darauf, auch für das Jahr 2024 eine Notlage auszurufen. Dann könnten die Fehlbeträge doch über Schulden herbeigeschafft werden. Es ist aber umstritten, ob das rechtlich zulässig ist.
Deshalb wird nun auch über eine sehr grundsätzliche Frage nachgedacht: eine Reform der 2009 beschlossenen Schuldenregel. Die Gewerkschaften sind dafür, einige Unternehmensverbände auch. Doch für Finanzminister Christian Lindner und die FDP gehört die Einhaltung der Schuldenbremse zum Markenkern.
Eine Reformvariante könnte darin bestehen, Kredite für staatliche Investitionen von der Schuldenbremse auszunehmen. Im Ministerium von Robert Habeck träumt man deshalb schon von einer Allianz mit den Ministerpräsidenten der Union. Denn von den Klimamilliarden würden auch Bundesländer profitieren, in denen die CDU an der Macht ist.
Früher oder später, so sehen das viele in Berlin, wird eine solche Reform kommen. Spätestens wenn die Union den Kanzler stellt. Die Frage ist, ob es dann nicht zu spät ist, wenn im nächsten Bundestag eine gestärkte AfD, eine unberechenbare Wagenknecht-Partei und womöglich auch irrlichternde Freie Wähler sitzen.
Text: Peter Dausend, Mariam Lau, Petra Pinzler und Mark Schieritz
Fotos: Shutterstock; Mario Mensch/ZEIT-Grafik (Quelle: Bundesregierung)
Titelbild: José Navarro für DIE ZEIT
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Frederik Seeler, Christian Krug