Haben Maschinen eine Seele?

Google hat einen mächtigen Chatbot geschaffen. Einen, der redet und fühlt wie ein Mensch, wie ein Entwickler meint. Über die Frage, wozu künstliche Intelligenz fähig ist – und was das für uns Menschen bedeutet

Als sich Blake Lemoine, damals noch Ent­wickler bei Google, mit dem Com­pu­ter­pro­gramm LaMDA unter­hält, stellt er diesem eine tiefsinnige Frage – und erhält eine er­staun­liche Antwort:

Ein Computerprogramm, das Angst vor dem Tod hat?

LaMDA steht für Language Models for Dialog Applications. Es ist ein Chatbot der Super­lative, entwickelt von Google, der uns vor eine große Frage stellt.: Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Computer?

Diese Frage stellt sich zum ersten Mal im Jahr 1956 am Dartmouth College in New Hampshire, im Nordosten der USA. Dort fassen 20 Wissen­schaftler einen Entschluss: Sie wollen Maschinen das Denken beibringen. Sie scheitern, aber der Name, den sie dafür er­fin­den, wird bleiben: künst­liche Intelligenz, kurz: KI.

1966 täuscht der erste Chatbot ELIZA seinem Gegenüber erfol­greich vor, ein Mensch zu sein.

1986 wandelt das Programm NETtalk erstmals Text in Spra­che um – Computer lernen sprechen.

Und 1997 schlägt die KI-Ma­schi­ne Deep Blue den Welt­meister Garry Kasparov im Schach.

Doch erst kurz nach der Jahrtausend­wende nimmt die Ent­wicklung richtig Fahrt auf. Da beschließen mehrere For­scher unab­hängig voneinander, das mensch­liche Gehirn nach­zubauen.

Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nerven­zellen, sogenannten Neuronen. Die Forscher bauen neuronale Netze und trainieren sie mit Fotos. Sie sagen ihnen, was darauf zu sehen ist. Dabei stellen sie fest: Die Netze fangen an, selbstständig zu lernen. Deep Learning, so wird die Techno­logie genannt, bringt den Durchbruch.

2011 besiegt die KI Watson des Unternehmens IBM zwei Cham­pions im Quiz-Spiel Jeopardy und zeigt: Sie versteht Sprache und kann komplizierte Fragen schnell beantworten.

Es bleibt aber nicht bei Spiel und Spaß. Künstliche Intelli­genz lernt bald, Hautkrebs schneller zu dia­gnos­tizieren als Ärzte. Und sie kann einem Auto mitteilen, ob ein Ball oder ein Kind auf der Straße liegt – wichtig für auto­nomes Fahren.

Weitere Anwendungen folgen:
Das Programm Dall-E malt Bilder in verschiedensten Stil­richtungen. Imagen produziert eigene Videos. Und im No­vem­ber 2022 versetzt ChatGPT Schulen und Uni­versitäten in Aufregung. Das Pro­gramm schreibt bessere Hausarbeiten als viele Schüler und Stu­denten. Und dann ist da Googles Chatbot LaMDA.

Als Google-Entwickler Blake Lemoine den Auftrag bekommt, LaMDA zu testen, ist er schnell überzeugt: Das Programm hat ein eigenes Bewusstsein ent­wickelt, eine Seele.

Lemoine und LaMDA freunden sich an. Der Entwickler sieht sich bald als Beschützer der Maschine.

Lemoine besorgt dem Pro­gramm schließlich sogar einen Anwalt, der dessen Interessen gegenüber Google vertreten soll. Und er spricht mit der Washington Post über seine Entdeckung. Dann wird Lemoine von Google gefeuert.

Und Google? Feiert, einerseits:
LaMDA, heißt es, könnte die Such­maschine der Zukunft werden, und damit ein Riesen­geschäft. Aber ein Be­wusst­sein?

Der Google-Manager Blaise Aguera y Arcas bremst gegen­über der ZEIT:
»Man muss sich LaMDA wie einen Anthropologen vorstellen, der eine fremde Zivilisation studiert. Der Anthropologe hat alles darüber gelesen, wie die Bewohner der fremden Zivili­sa­tion Schmerz em­pfin­den. Heißt das, dass der Anthropologe den Schmerz auch selbst em­pfin­det? Nein. Es ist nur eine Simulation.«

LaMDA nur eine Simulation, stets freundlich und völlig harmlos?

Gary Marcus, KI-Forscher und emeritierter Psychologie-Pro­fessor der New York University, zeichnet ein anderes Szenario, das er für realistisch hält. In den Händen von Auto­kraten und Demo­kratie­feinden könnte ein mächtiger Chatbot wie LaMDA Propa­ganda am Fließ­band produzieren. »Mir macht das Angst«, sagt Marcus.

Hat LaMDA nun eine Seele, oder ist es nur eine Simulation?

Ist es nur ein Geschäft, oder mehr als das: ein Segen oder gar eine Gefahr für die Mensch­heit? Während darüber noch gestritten wird, ist Google schon weiter. Der Konzern hat einen neuen Chatbot ent­wickelt: PaLM. Der hat 540 Milliarden Schalt­stellen – und ist damit viermal so leistungs­fähig wie LaMDA. Wie wird man sich mit dem wohl unterhalten können?

Die Geschichte von Blake Lemoine und dem Chatbot LaMDA ist eine über die Grenzen des Bewusstseins, Geld und Macht. Zu lesen in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 12.01.2023
Credits

Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Johannes Mitterer
Fotocredits: Martin Klimek; The Washington Post; Getty Images
Illustration: Joyce Lee, inspiriert von dem japanischen Illustrator Hajime Sorayama

Quellen
  1. 01DIE ZEIThttp://www.zeit.de
  2. 02GETTY IMAGEShttps://www.gettyimages.de
  3. 03en.wikipedia.orghttps://en.wikipedia.org
  4. 04bosch.comhttps://www.bosch.com/de/stories/geschichte-der-kuenstlichen-intelligenz/
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