Was die Ampel mit der Reform des Wahlrechts anrichtet
Die Regierungsparteien haben den tiefgreifendsten Umbau des Wahlrechts seit Gründung der Republik beschlossen. Statt zuletzt 736 soll der Bundestag in Zukunft nie mehr als 630 Parlamentarier haben.
Auch die Grundmandatsklausel wird abgeschafft. Die Regel, dass eine Partei, die mindestens drei Direktmandate gewinnt, auch dann in den Bundestag einziehen kann, wenn sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.
Profitiert hat davon zuletzt vor allem die Linkspartei, aber auch die schwächelnde CSU könnte darauf angewiesen sein.
Will man verstehen, warum SPD, FDP und Grüne die Grundmandatsklausel gestrichen haben, gerät man in ein Dickicht von Unterstellungen, Enttäuschungen, Vorwürfen.
Für Wolfgang Schäuble, CDU, wirkt es wie ein gezielter Angriff auf die Schwesterpartei CSU. Im Gespräch mit der ZEIT sagt er: »Dass die politische Mehrheit ihre Macht gegen die Minderheit nutzt, schadet der Demokratie.«
Ein Verhandler der FDP sagt: »Wir standen vor der Wahl, die Reform so zu machen – oder gar nicht«. Bei Vertretern der Ampel sei der Eindruck entstanden, die CSU werde eh gegen das Gesetz zu Felde ziehen.
Sebastian Hartmann, der für die SPD die Reform verhandelt hat, kommentiert: »Mein Eindruck ist, dass die Union gar nicht an einer echten Wahlrechtsreform interessiert war«.
Wer CSU-Chef Markus Söder in diesen Tagen erlebt, trifft auf ein interessantes Gefühlsgemisch aus Empörung und Begeisterung. Denn was ist für Söder schöner als ein Wahlkampf, in dem er landauf, landab erzählen kann, dass die Ampel eine Politik gegen einen erfolgreichen Süden mache?
Bei den Grünen ist eine gewisse Zerknirschung zu erkennen. Will man wirklich ein Wahlrecht zimmern, das so umstritten ist, dass es zum Wahlkampfthema taugt?
Wie viele Stühle werden in Zukunft im Plenarsaal des Bundestags stehen?
Linke und CSU haben angekündigt, vor
dem Verfassungsgericht zu klagen. Viel Zeit bleibt den Richterinnen und Richtern nicht, das Urteil über das Wahlgesetz muss rechtzeitig
zur Vorbereitung der nächsten Bundestagswahl
vorliegen.
Was als Befreiungsschlag aus jahrzehntelanger Verhedderung geplant war, droht zum Debakel zu werden: für CSU und Linke, die womöglich gar nicht mehr in den Bundestag einziehen könnten. Aber auch für die Ampel.
Text: Heinrich Wefing, Tina Hildebrandt und Robert Pausch
Illustration: Sina Giesecke und Mario Mensch für DIE ZEIT
Titelillustration: Liam Eisenberg für DIE ZEIT
Fotos: Getty Images (FDP, Grüne, Söder); Deutscher Bundestag: Henning Schacht, Achim Melde, Thomas Koehler, Felix Zahn & Janine Schmitz (photothek)
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Frederik Seeler