Das Rätsel Wagenknecht

Sehr wahrscheinlich gründet sie bald ihre eigene Partei. Einige ihrer wichtigsten Ziele decken sich mit denen der Rechtspopulisten. Warum ist Sahra Wagenknecht so beliebt? Und wer muss sie fürchten?

Sahra Wagenknecht ist ein großes, viel­schichtiges, wenn nicht gar unlös­bares Rätsel: Eine Frau, der Partei­arbeit nicht liegt, will eine neue Partei kreieren, praktisch aus dem Nichts.

Umfragen zeigen: Jeder fünfte Deutsche kann sich grund­sätz­lich vorstellen, eine »Liste Wagen­knecht« zu wählen – unter den Anhängern von AfD und Links­partei halten das sogar vier von zehn Befragten für möglich.

»Linkskonservatismus« nennt Wagenknecht ihr politisches Angebot. Von »Anstand und Ehrlich­keit«, einem Lob auf das »Normale«, einem »Kompro­miss­frieden« mit Russ­land, einer aktiven Industrie­politik und einer Begrenzung der Migration ist die Rede, auch von der Auflehnung gegen einen »übergriffigen, bevormundenden Staat«.

Bei der Linken blickt man mit einer Mischung aus Panik und Wut dem Tag entgegen, an dem Wagen­knecht ihre Truppen mobilisiert.

Und man hat sich zum ver­zweifelten Gegenzauber ent­schieden und die Kapitänin Carola Rackete zur Spitzen­kandidatin für die Europa­wahl gemacht. Damit verlegt man sich auf den Kampf um ent­täuschte Grünen­wähler – und gibt den Osten praktisch auf.

Die AfD um ihre Vorsitzende Alice Weidel hofft, von einer neuen Partei sogar zu profi­tieren. Der sächsische AfD-Politiker Siegbert Droese etwa glaubt, »die Gefahr für uns wird von den Medien aufgebauscht.« Er habe niemanden getroffen, der sich wegen Frau Wagen­knecht ernsthafte Sorgen mache. Die Wagen­knecht-Partei sei, da ist Droese sicher, für das politische Establish­ment eine viel größere Gefahr.

Einzelne CDU-Vertreter fiebern einer Wagenknecht-Partei heimlich entgegen. Sie finden: Ist doch prima, wenn sie er­le­digt, wozu andere nicht im­stande sind. Wagen­knecht ist manchem als AfD-Verzwergerin durchaus willkommen.

Abseits aller strategischen Erwägungen steckt schon in der Gründung einer Partei ein enormer Aufwand. Auf die Gründungs­versammlung einer Partei, bei der die Satzung ver­abschiedet und der Vor­stand bestimmt wird, folgt der Auf­bau mehrerer Organisations­ebenen in Bund, Ländern und Kreisen.

Trotzdem: Die Wahr­schein­lich­keit, dass die Sahra-Wagen­knecht-Partei (SWP) gegründet wird, liegt, wenn man sie richtig versteht, bei neunzig Prozent.

Ob Sahra Wagenknecht das schaffen kann, was sie antreibt – und welche Rolle Gerhard Schröder dabei spielt, das steht in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 13.09.2023
Credits

Text: Bernd Ulrich, Anne Hähnig, Mariam Lau, Paul Middelhoff; Mitarbeit: Peter Dausend, Matthias Krupa, August Modersohn, Martin Nejezchleba
Titelfoto[M]: Marzena Skubatz/laif für DIE ZEIT
Fotos: Jens Gyarmaty/laif (Weidel), Michael Kuenne/Shutterstock (Wagenknecht)
Grafik und Animation: Anton Delchmann
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Johannes Mitterer

Quellen
  1. 01DIE ZEIThttps://www.zeit.de/2023/39/sahra-wagenknecht-die-linke-partei-gruendung?wt_cc3=01w0011k0904inhemanew2309f{mid}&utm_medium=email&utm_source=zbrief&utm_campaign=scrolly_zb_header&utm_content=01w0011k0904inhemanew2309f{mid}&wt_zmc=emanew.Int.zabo.zbrief.scrolly_zb_header.x
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