Gegen den Spuk im Kopf

Um Depressionen besser zu behandeln, revolutionieren Ärzte und Forscherinnen die Therapie

Eva-Lotta Brakemeier sagt: »Wir müssen einfach besser werden«. Sie ist Professorin für Psychologie an der Uni Greifswald und eine der wichtigsten deutschen Expertinnen für die Behandlung von Depressionen.

Jede vierte Frau und jeder achte Mann leidet zumindest einmal im Leben an einer Depression.

Therapeuten behandeln ihre Patienten prin­zi­piell so, wie sie es für richtig halten. Oft hilft das. Zu oft aber hilft es nicht so gut oder nicht so schnell, wie es möglich wäre.

Im »Psychotherapy Lab« in Greifswald, einem Experimental­labor für die Seelen­heilkunde, arbeiten die Forscher und Forscher­innen des­halb gerade an einer kleinen Sensation: dem »Psycho­therapie-Navi­gator«. Es ist ein Pro­gramm, mit dem sie syste­matisch analy­sieren, wie es Patienten in der Psycho­therapie ergeht.

Es arbeitet nach dem Prinzip der Wetter­vor­her­sage. Die Psychologen in Greifs­wald wollen das innere Wetter ihrer Patienten vorher­sagen, und ver­gleichen dazu ihre Gemütslage mit den Daten von Kranken, die ihnen ähnlich sind.

Wie schnell hellt sich die Stimmung auf, wann kommt frischer Wind in den Alltag? Macht jemand deutlich weniger Fort­schritte als prog­nos­tiziert, müssen die Thera­peutinnen über­legen, woran es liegt und wie sie um­steuern können.

Psychotherapeutinnen und Psychiater tun dabei etwas, das lange Zeit undenkbar schien: Sie verbinden zwei große Therapieschulen miteinander, deren Vertreter­innen und Vertreter sich jahrzehnte­lang feind­selig gegen­über standen.

Da war zum Einen die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sie geht zurück auf die von Sigmund Freud entwickelte Psycho­analyse und sucht die Ursachen psychischer Pro­bleme in inneren Kon­flikten aus der Kindheit. Sie zielt aber stärker auf die aktuellen Probleme der Patienten.

Und da war zum Anderen die Verhaltens­thera­pie. Sie basiert auf der Idee, dass erlernte Ver­haltens- und Denk­muster die Ursachen von Problemen sind und gezielt verändert werden können.

CBASP heißt die moderne Methode, das steht für cognitive behavioral analysis system of psycho­therapy. Sie ist speziell für Patienten entwickelt worden, die ihre Depression nicht los­werden. Das ist etwa bei einem Drittel der Fall.

Ein weiterer Bestandteil in der Behandlung von Depressionen sind Antidepressiva. Sie erzielen bei einem Viertel der Patienten eine be­trächt­liche Wirkung.

Unter Fachleuten ist jedoch auch hier eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Die Arzneien erweisen sich als umso weniger wirksam, je besser die Studien werden.

Dass Antidepressiva zunehmend häufiger ver­schrie­ben wurden, hat auch mit einer ver­füh­re­risch einfachen Idee zu tun. Nämlich dass es Menschen mit Depressionen an Boten­stoffen im Hirn mangele, zum Beispiel an Serotonin.

Balanciere man dieses chemische Ungleich­gewicht per Medikament aus, ver­schwinde die Depression. Inzwischen ist klar: Diese Idee, Serotonin-Hypothese genannt, ist falsch.

Den entscheidenden Hinweis gab ein Narkose­mittel, das auch zur Party­droge avancierte. Ketamin brachte vielen Depressiven, die auf andere Medi­kamente nicht ansprachen, schnell Erleichterung.

Ketamin verbessert offenbar die Übertragung von Informationen zwischen den Hirnzellen. Es lässt sogar neue Verbindungsstellen, Synapsen, sprießen. Herkömmliche Antidepressiva tun das auf Umwegen auch. »Plastizität« nennen Fach­leute das Phänomen, es ist entscheidend für das Lernen. Eine neue Hypothese war geboren: Depressionen entstünden, wenn die Plastizität sinke. Erhöhe man sie, lasse sich die Krankheit lindern.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Schulte-­Körne (LMU Klinikum München) rückt neben der Behandlung von Depress­ionen noch einen anderen Aspekt in den Fokus: Prävention.

»Meine Kolleginnen und Kollegen aus der Erwachsenen­medizin haben die Frauen und Männer vor sich sitzen, die in ihre Kindheit zurück­blicken. Ich lehne mich jetzt mal etwas aus dem Fenster: So manche Erkrankung könnten wir durch frühe Inter­ventionen in der Familie und in der Schule verhindern. Dafür müssten wir den Fokus auf die Lebens­welten der Kinder richten.«

Fünf bis zwölf Prozent aller Jugendlichen entwickeln eine Depression, Mädchen häufiger als Jungen.

Woran man erkennt, ob Kinder und Jugendliche nur traurig sind oder schon depressiv – und welche Behandlungen bei Depressionen am besten helfen, steht in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 02.02.2023
Credits

Text: Stefanie Kara, Corinna Schöps, Johanna Schoener
Illustration: David Vanadia für DIE ZEIT
Titelbild: Travis K. Schwab »Shelter«, Öl auf Leinwand, 2021
Fotos: Martin Pauer für DIE ZEIT, Robert Haas/SZ Photo/dpa Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Johannes Mitterer

Quellen
  1. 01FOTOS: GETTY IMAGEShttps://www.gettyiamges.de
  2. 02DIE ZEIThttps://www.zeit.de/2023/06/depressionen-therapie-forschung-eva-lotta-brakemeier?wt_cc3=01w0011k0904inhemanew2301f&utm_medium=email&utm_source=zbrief&utm_campaign=scrolly_zb_header&utm_content=01w0011k0904inhemanew2301f&wt_zmc=emanew.Int.zabo.zbrief.scrolly_zb_header.x
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