Sturm auf den Reichstag: Warum waren Sie dabei?

Im August 2020 versuchte eine wütende Menge, in den Bundestag einzudringen. Wie gefährlich sind diese Menschen? Jetzt sprechen jene, die damals mitgemacht haben

Was geschehen war: Für den 29. August 2020 hatte die Gruppe Quer­denken 711 in Berlin ein »Fest für Freiheit und Frieden« ange­kündigt. Die Pandemie wütete in ihrem ersten Jahr, und zumindest vorder­gründig richtete sich die Demon­stration gegen die Corona-Maß­nahmen der Bundes­regierung. 38.000 Menschen nahmen teil, darunter tausende Rechts­extreme, »Quer­denker« und »Reichs­bürger«, aber auch viele Menschen, die politisch noch nicht aufge­fallen waren.

Gegen 19 Uhr betrat eine Frau mit Dreadlocks die Bühne vor dem Reichstag, griff sich das Mikrofon und rief: »Wir gehen da drauf und holen uns heute, hier und jetzt unser Haus zurück!«  Die Menge solle sich »friedlich auf die Treppe« setzen. Mit diesen Worten startete der Sturm auf den Reichstag, an dem 400 Menschen beteiligt waren.

Karsten Bonack war einer der Polizisten, die den Demon­stranten den Weg versperrten. Er meint: »Stellen Sie sich mal vor, die wären reinge­kommen, und dann stehen die auf Scheide­manns Balkon. Bilder, die um die Welt gegangen wären. Im 21. Jahr­hundert. Davon hätte sich Deutsch­land nicht mehr erholt.«
Der Sozial­demokrat Philipp Scheide­mann hatte im November 1918 vom zweiten Balkon links vom Portal des Reichs­tags die Republik ausgerufen. Das Kaiser­reich war damit beendet. Die Demokratie geboren.

Aber was hat die 400 Menschen überhaupt dazu gebracht, in den Reichstag eindringen zu wollen? Wie stehen sie heute dazu?
Die ZEIT hat die Namen von 133 Menschen heraus­gefunden, die im Verdacht stehen, dabei gewesen zu sein. 45 von ihnen haben auf E-Mails reagiert, auf Messenger-Nach­richten, Briefe und Anrufe. Einige davon haben die Reporter­innen und Reporter persönlich getroffen.

Für Tanja Urbaniak, Friseurin aus Niedersachsen, war es die erste Demon­stration in ihrem Leben. Sie sagt: »Gut, dass ich da war.« Sie habe gegen die Corona-Maß­nahmen demon­strieren, nicht die Demo­kratie angreifen wollen. »Ich hatte das Bedürfnis, zu zeigen, dass ich mit etwas ganz massiv nicht einver­standen bin.« Dass Neo­nazis und Rechts­extremisten neben ihr standen, habe sie nicht irritiert.

Der Informatiker Markus Huck reiste aus dem Schwaben­land nach Berlin. Huck ist so etwas wie der Haus-und-Hof-Streamer der Stuttgarter »Quer­denker«. Er spricht über den Sturm wie über einen bunten Abend bei der frei­willigen Feuer­wehr. »Man trifft wieder irgend­welche Leute, die man vielleicht schon mal gesehen hat.« Er habe sich mit­reißen lassen von der Spannung, dem Prickeln des Moments, wohl auch dem Rausch der Klick­zahlen. Er sagt: »Ich war Mitläufer.«

Arthur Österle aus dem Erzgebirge war 2020 bei einem AfD-Bundes­tags­abge­ordneten als Personen­schützer angestellt. Dessen Frau fuhr mit Freunden zur Anti-Corona-Demon­stration. Österle und sein Chef, der Politiker, hätten die Reise­gruppe dort abholen wollen. Auf dem Weg seien sie am Reichs­tags­gebäude vorbei­ge­kommen, vor dem gerade der Sturm los­brach. Er habe keinen Putsch gewollt, nur nach einer fehlen­den Teil­nehmerin der Reise­gruppe Ausschau gehalten. Ein Miss­verständnis. Mehr nicht.

Missverständnisse, Mitläufer: Wörter, die Un­schuld suggerieren. Wörter, hinter denen man sich so bequem verstecken kann, um für nichts ver­ant­wort­lich gemacht werden zu können. Wir waren nur Mit­läufer, so klingt die tausend­fach strapazierte Ent­schul­digungs­formel der deutschen Geschichte.

Weitere Stimmen und die Erklärung, warum nur sechs von 400 Beteiligten zu Geld­strafen ver­urteilt wurden, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 23.08.2023
Credits

Text & Recherche: Lale Artun, Christian Fuchs, Astrid Geisler, Anne Kunze, Dominik Lenze, Bastian Mühling, Kim Lucia Rupf, Christina Schmidt, Amonte Schröder-Jürss, Jana Simon, Eva Sudholt und Stefan Willek
Fotos: Marcus Glahn für DIE ZEIT (Portraits); Christian Mang/Reuters [M]; Achille Abboud/Getty [M]; RechercheNetzwerk.Berlin [M]; Getty Images 
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug

Quellen
  1. 01DIE ZEIThttp://www.zeit.de/2023/36/sturm-reichstag-berlin-beteiligte-motive?wt_cc3=01w0011k0904inhemanew2308f%7bmid%7d&utm_medium=email&utm_source=zbrief&utm_campaign=scrolly_zb_header&utm_content=01w0011k0904inhemanew2308f%7bmid%7d&wt_zmc=emanew.Int.zabo.zbrief.scrolly_zb_header.x
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