Schriftstellerinnen und Schriftsteller verraten, was sie lesen, wenn sie mal nicht schreiben.
Wovon schwärmen die Profis? Hier erzählen Schriftstellerinnen und Schriftsteller von ihren literarischen Entdeckungen der letzten Zeit.
»Vor drei Jahren, in den frühen Tagen der globalen Pandemie und in einer Zeit brutaler politischer Polarisierung, stieß ich auf genau den Roman, den ich lesen musste.«
»Wassili Grossmans überragendes Meisterwerk LEBEN UND SCHICKSAL ist Ausfluss seines einzigartigen Zugangs zu jedem Aspekt der sowjetischen Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg. Seine imaginierte Schilderung der letzten Tage seiner Mutter in einem jüdischen Ghetto in der Ukraine, ein frühes Kapitel von Leben und Schicksal, ist ein Meilenstein der Literatur zur Shoah.«
»Manchmal verschwindet Literatur sofort nach ihrem Entstehen in einer Flaschenpost und taucht erst Jahrzehnte später wieder auf.«
»So geschehen mit SIE – SZENEN DES UNBEHAGENS. Kay Dick, eine Starautorin der Londoner Boheme hat diesen Roman 1977 veröffentlicht. Dieser Text verbreitet von der ersten Seite an das Unbehagen, das er im Titel trägt. Wie nebenher geschehen schockierende Dinge, aber wie schon Alfred Hitchcock wusste, ist nicht der Anblick einer grausigen Tat das Schlimmste, sondern die Angst davor.«
»Es kommt nicht mehr oft vor, dass mich ein Roman schockiert. Je älter man wird, desto besser funktionieren die Bewältigungsstrategien, mit denen man sich gegen das Böse und das Absurde wappnet.«
»Und dann kam PÁRADAIS, der dritte Roman der mexikanischen Journalistin Fernanda Melchor. Er spielt im Umfeld einer Gated Community am Golf von Mexiko, in der sich die Reichen eingemauert haben, während außerhalb der Drogenkrieg tobt. Ein schauerliches Meisterwerk.«
»Neulich habe ich mir ohne besonderen Grund die alte Verfilmung von Max Frischs Biedermann und die Brandstifter angesehen. Was könnte unzeitgemäßer sein als so ein »Lehrstück ohne Lehre« aus den frühen Sechzigerjahren. Warum sollte man das heute sehen oder lesen wollen?«
»Also war ich völlig überrascht, wie perfekt BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER in diesen historischen Moment passt, und zwar deshalb, weil es tatsächlich »ohne Lehre« ist, man fühlt die Botschaft, kann sie aber, wie lange man auch darüber nachdenkt, auf keine Formel bringen.«
15 Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Judith Hermann, Dinçer Güçyeter, Clemens J. Setz und Naivd Kermani empfehlen Bücher für den perfekten Lesesommer.
Redaktion: Adam Sobocynski
Titelfotos: Gene Glover für DIE ZEIT
Fotos: Christian Werner; Suhrkamp Verlag; Janet Fine; Christoph Mack; Palagrafie; Stephan Pick;Andreas Reiberg; Heike Steinweg; Dietrich Kühne; Basso Cannarsa/laif; Hagen Schnauss; Heike Steinweg; Martin Stöbich; Rafaela Proell; Peter v. Fleddert
Illustration: Justin Metz für DIE ZEIT
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Johannes Mitterer, Christian Krug