Der Gazastreifen wird zum Schlachtfeld. Greift jetzt noch der Iran mit seinen Terrorgruppen Israel an? Und darf man das Leid der Zivilisten auf beiden Seiten aufrechnen?
Die Nervosität ist greifbar, seitdem die Hamas mit ihrem Terrorangriff vom 7. Oktober Israel ins Herz getroffen hat. Auch wenn Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt hat: »Im Augenblick konzentrieren wir uns auf ein Ziel: unsere Kräfte zu vereinen und einen vollständigen Sieg zu erringen.«
Die Offensive stellt die israelische Armee vor grauenhafte Dilemmata. Die Hamas wird sich kaum scheuen, die zweihundert Geiseln, die sie und andere Gruppen verschleppt haben, zu töten. Den Menschen in Gaza droht eine humanitäre Katastrophe, und die Zahl der zivilen Opfer wird rasch steigen, Tausende könnten bei den Gefechten und Bombardements sterben.
Es gibt nur zwei Gewissheiten. Israel hat, das ist die eine Gewissheit, jedes Recht, sich gegen den mörderischen Überfall der Hamas zur Wehr zu setzen, auch durch einen Einmarsch in Gaza. Die andere Gewissheit: Jedes Leben zählt gleich viel. Das ist das Fundament des Konzepts der Menschenrechte.
Die politische Solidarität, die Israel erfahren hat, wird fast unweigerlich umschlagen, wenn die Bilder von getöteten Babys in Gaza, von zerstörten Krankenhäusern und verzweifelten Menschen um die Welt gehen.
Und alles, was in Gaza geschieht, kann zu Gegenreaktionen von Israels Gegnern führen. Israel könnte in einen Zweifronten-, sogar einen Multifrontenkrieg geraten.
Die Angst vor einer unkontrollierbaren Kettenreaktion ist groß: Wie wird sich der Iran verhalten, wie die USA? Dazu stellt Israels Offensive letztlich jeden Betrachter vor grauenhafte Dilemmata: Darf man Leid aufrechnen? In Israel fragt man sich auch, wer die Verantwortung dafür trägt, dass die Hamas nach Israel durchbrechen konnte. Und in Berlin werden Wohnhäuser mit dem Davidstern beschmiert.
Klar ist: Dies wird ein asymmetrischer Krieg, in doppelter Hinsicht. Es ist der Krieg einer regulären Armee gegen eine Terrormiliz. Und es ist der Kampf einer Demokratie, die durch das humanitäre Völkerrecht gebunden ist, gegen einen Haufen von Schlächtern, denen die Menschenrechte völlig gleichgültig sind – solange sie selbst angreifen.
Text: Lea Frehse, Yassin Musharbash, Heinrich Wefing, Jan Ross, Paul Middelhoff; Mitarbeit: Peter Dausend, Anastasia Tikhomirova
Fotos: Francisco Seco/AP/dpa; Ziv Koren/Polaris/laif; Mohamed Zaanoun/AFP/Getty Images; Jacquelyn Martin/Pool/Reuters; Abb.: X (vormals Twitter); Getty Images
Titelillustration: Javier Jaén
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Johannes Mitterer, Christian Krug