Warum der Fall Aiwanger das Zeug hat, nicht nur Markus Söders CSU durcheinanderzubringen, sondern die politischen Koordinaten in ganz Deutschland
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat sich am Wochenende hinter seinen Stellvertreter gestellt. Hubert Aiwanger wird im Amt bleiben – trotz der »Flugblattaffäre« um ein antisemitisches Pamphlet aus seiner Schülerzeit, trotz Aiwangers hölzerner Distanzierung.
Die ZEIT hat die stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Karin Prien, 58, zu einem Streitgepräch eingeladen. Sie hat jüdische Vorfahren und findet: Die Affäre schade der Erinnerungskultur in Deutschland.
Dagegen hält Michael Wolffsohn, 76. Er wurde in Tel Aviv geboren und lehrte Geschichte an der Universität der Bundeswehr. Aiwanger sei Opfer einer üblen Kampagne, entgegnet er.
Markus Söder ist eine interessante Wette eingegangen. Er setzt auf den kontaminierten Aiwanger statt auf die Grünen als Koalitionspartner. Er bestärkt die Sichtweise, nach der die Ökopartei und die Rechten die entgegengesetzten politischen Pole der Republik bilden.
Es geht bei der Affäre längst nicht mehr nur um die beruflichen Perspektiven von Aiwanger und Söder. Es geht darum, ob gerade eine Grenze verschoben wird zwischen politischer Mitte und rechtem Rand. Und anders als bei sonstigen Debattenschlachten wird es über diese eine Abstimmung geben, am 8. Oktober, wenn die Bayern wählen.
Text: Mariam Lau, Jana Hensel, Stefan Schirmer
Titelfoto: Sven Simon/pa/dpa
Fotos: Sven Simon/ddp (Söder); Markus Burke für DIE ZEIT (Aiwanger); Karlheinz Schindler/pa/dpa (Wolffsohn); Henning Kretschmer für DIE ZEIT (Prien)
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Frederik Seeler, Christian Krug, Nele Justus