Cancel-Culture

Persönlichkeiten aus dem Kulturbetrieb sprechen über ihre Sicht auf die Debatte um politische Korrektheit

Wie beeinflusst Cancel-Culture die Arbeit von Verlegern, Schrifstellerinnen, Comedians?

»Wenn eine Lektorin an den Rand schreibt, dass sich ein Mädchen im Text besser in eine weibliche Schul­kameradin verlieben sollte, ist das eher der Versuch, bewusst Pro­gressi­vität zu demon­strieren oder sogar sich gegen sogenannte Shit­storms abzusichern. Solche Lektorats­hin­weise führen eher zur Sorge, dass sich in meinen Texten irgend­wann niemand mehr verlieben darf.«

»Vor Kurzem nahm ich an einer Diskussion an der Uni Potsdam teil, als Counterpart war eine Literatur­wissen­schaft­lerin der Uni Frankfurt auf der Bühne. Sie warf Karl May Sexis­mus vor. Weil bei ihm angeblich Frauen zu wenig zu Wort kommen. Wenn ich morgen einen Roman schreibe, muss ich dann darauf achten, dass genü­gend Frauen sprechen? Dieses Auf­rechnen tötet die Kunst.«

»Wenn Kunst nicht mehr gesehen werden darf, weil es als uner­träg­lich empfun­den wird, dass historische Werke nicht mit eigenen Wertvor­stellungen kom­patibel sind, verliert die Gesell­ schaft nicht nur einzig­artige Kunst, sondern auch das Wissen um ihre – gegeben­enfalls proble­matische – kulturelle Identität und Herkunft.«

»Wir Komiker wollen für unsere Provo­kation die maximale Zustim­mung, und wenn das Publi­kum sie uns ver­weigert, gar wider­spricht, fühlen wir uns miss­ver­standen und behaupten, man könne ja nichts mehr sagen. Wir sind dann so belei­digt wie die Poli­tiker, die wir sonst hoch­mora­lisch dafür tadeln. So werden wir selbst zum Teil der empfind­lichen Ge­sell­schaft, statt sie zu spiegeln.«

»Ich würde nicht sagen, dass Cancel-Culture an der Tages­ordnung ist. Es gibt im Theater jedoch eine ungute Tendenz zur Befind­lichkeit. Schau­pieler akzep­tieren es oft nicht mehr, wenn sie keine Haupt­rolle spielen. Neben­rollen werden verweigert, mit Sätzen wie »Ich fühle mich einer Re­pressalie ausgesetzt …« Dabei kann es kein Anrecht auf die große Rolle geben.«

»Mir persönlich geht es gut. Ich habe tolle, lang­fristige Projekte. Dennoch: Ich hatte seit dem Herbst nur ein einziges Regie-An­gebot, als jemand spontan ersetzt werden musste. Es gab immer mal Jahre, in denen ich mich fragte: Ist das Telefon kaputt? Hat jemand einen Bann über mich ver­hängt? Aber allseits erklärt man mir: Du bist hetero, weiß, alt. Du hast das falsche Ge­schlecht, den falschen Back­ground. Ich brauche dich gar nicht erst vor­zu­schlagen.«

»Wenn ich mir zwei Sachen wünschen könnte: Dass wir aufhören, uns in die Tasche zu lügen, dass nur die andere Seite Rede­verbote ausspricht. Und dass wir diese Debatte liebevoller führen.«

Liebevoller jedenfalls als jene Eltern in Florida, deren Kindern im Kunst­unte­richt Michel­angelos nackter David gezeigt worden war.

Die beschwerten sich darüber beim Schul­vorstand. Und der drängte die Schul­leiterin über den Fall zur Kündigung.

Woher kommt das Bedürfnis nach formierter Moral? Und warum will kein Sender einen Tatort pro­du­zieren, in dem ein ARD-Redakteur ums Leben kommt? Das steht in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 20.04.2023
Credits

Text: Martin Machowecz, Ijoma Mangold
Fotos: Christoph Hardt/Future Image/action press (Mithu M. Sanyal); dpa (Helge Albers); Uwe Anspach/dpa (Dagmar Hirschfelder); Peter v. Felbert (Juli Zeh); Bernd Weißbrod/dpa (Berat Gürbüz); Frank Eidel (Florian Schroeder); Karl-May-Verlag (Bernhard Schmid); Fabian Schellhorn (Matthias Brenner); Anatol Kotte (Kai Wessel); ; Getty Images (David Statue)
Illustration: José Navarro für DIE ZEIT
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Johannes Mitterer

Quellen
  1. 01DIE ZEIThttps://www.zeit.de/2023/17/kunst-freiheit-moral-ideologie-identitaetspolitik?wt_cc3=01w0011k0904inhemanew2304f%7bmid%7d&utm_medium=email&utm_source=zbrief&utm_campaign=scrolly_zb_header&utm_content=01w0011k0904inhemanew2304f%7bmid%7d&wt_zmc=emanew.Int.zabo.zbrief.scrolly_zb_header.x
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