Manchmal belasten Erinnerungen ein ganzes Leben lang. Doch der Mensch kann Dinge für wahr halten, die er nie erlebt hat – sogar traumatische.
Der erste Kuss; das Tor, mit dem wir unsere Mannschaft zur Meisterschaft schossen; die Geburt des Kindes; wo wir waren, als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen. Daran erinnern wir uns meist für immer – und zwar sehr genau. Oder?
Die vorherrschende Meinung in der Wissenschaft war lange: Das menschliche Gedächtnis funktioniert wie eine Art Videorekorder, unbestechlich zeichnet es die Wirklichkeit auf und speichert sie als Erinnerung im Gehirn ab.
Doch mittlerweile hat sich ein neues Modell durchgesetzt. Das Gedächtnis arbeitet nicht nur rekonstruktiv, sondern auch konstruktiv. Es verfälscht bestehende Erinnerungen und kann Scheinerinnerungen erschaffen – etwa an einen Autounfall. Je länger das Ereignis her ist, umso verfälschter ist oft die Erinnerung.
Elizabeth Loftus, 78, ist eine Koryphäe ihres Faches, eine weltweit führende Gedächtnisforscherin. Sie konnte den wissenschaftlichen Nachweis führen, dass es möglich ist, eine vermeintliche Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis zu konstruieren.
Mithilfe von Suggestivfragen pflanzten sie und weitere Psychologen Menschen falsche Erinnerungen ein. Sie erzeugten bei Versuchspersonen die Erinnerung, als Kind im Einkaufzentrum verloren gegangen zu sein oder von einem aggressiven Tier angegriffen worden zu sein.
Studien legen nahe: Man kann Menschen einreden, ihnen sei als Kind sexuelle Gewalt angetan worden – obwohl das gar nicht stimmt. Ein schmerzhaftes Wissen.
Text: Bastian Berbner
Fotos: Getty Images; Balazs Gardi und Brandon Tauszik für DIE ZEIT
Titelillustration: David de las Heras
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Johannes Mitterer, Christian Krug, Frederik Seeler