Fleisch ohne Reue

Der Mensch isst mehr Rind, Schwein und Huhn, als der Planet verträgt. Davon lassen will er nicht. Forscher arbeiten deshalb an echten Steaks und Schnitzeln aus dem Labor. Verändert das die Welt?

Fleisch, das aus Stamm­zellen gezüchtet wurde – Singa­pur ist das einzige Land, in dem dessen Verzehr behörd­lich zuge­lassen ist. Es ist echtes Fleisch, kein Ersatz­­produkt aus Soja oder Seitan, doch kein Lebe­wesen musste dafür sterben. Das Fleisch wuchs im Bio­reaktor heran, nicht als Tier im Mast­stall und auch nicht auf dem Bauernhof.

Das Huhn kommt frittiert und mit grünem Spargel zu Nudeln, umge­rechnet etwas weniger als 15 Euro soll es kosten, hier in Huber's Bistro in Singapur. Das Hühn­chen sieht nach Hühnchen aus und schmeckt auch so, außen kross, innen relativ zart. Pro­duziert wird es von einem kali­fornischen Unter­nehmen, dessen Name schon verrät, worum es hier letztlich geht: Good Meat. Gutes Fleisch – und gutes Gewissen.

Stu­dien rechnen vor, dass die Lebens­mittel­produktion, vor allem von Fleisch, für 15 Prozent der derzeitigen Erder­wärmung verant­wortlich ist. Fleisch aus dem Labor könnte da zum strate­gischen Pfund in der Klima­­politik werden.

Mark Post, 65, ist so etwas wie der Geburts­helfer der neuen In­dustrie. 2013 präsentierte er live im Fernsehen den ersten Burger aus der Petris­chale. Die Ent­wicklung der Fleisch­frikadelle hatte 250.000 Euro ver­schlungen. Post hofft heute, dass Labor­fleisch in zehn Jahren einen Markt­anteil von zehn bis zwanzig Prozent haben wird.

Auch hierzulande wächst bereits Fleisch aus Stamm­zellen, zum Beispiel in Lübeck. In Sichtweite des Audi­­max der Universität liegen die Produktions­räume von Bluu Seafoods, spezialisiert auf Lachs­fleisch. Der Fisch wächst in einer geruchs­­neutralen, blitz­blank funkelnden Hightech­-Welt.

Hineinbeißen darf man nicht – die Novel­-Food­-Verordnung der EU verbietet es. Seit 1997 muss jedes neue Lebensmittel einen aufwendigen Genehmi­gungs­­prozess durch­laufen. Bluu-Gründer Sebastian Rakers sitzt gerade an einem Zulassungs­dossier, aller­dings nicht für die EU, deren Behörden den Ruf haben, »sehr büro­kratisch zu arbei­ten«, wie er es freundlich formuliert.

Kein Start­up hat bislang einen Antrag in Europa eingereicht. Auch Raakers will sein Dossier nach Singapur schicken.

Wie die Technologie genau funktioniert, warum Fleisch aus der Petri­schale ein Milliarden­markt werden könnte – und welche Rolle Insekten in einer Ernährung der Zukunft spielen können, das steht in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 26.04.2023
Credits

Text: Anant Agarwala, Maximilian Probst
Fotos: Hanna Lenz für DIE ZEIT (Bluu Seafood); Mindy Tan Huimin für DIE ZEIT
Titelfoto: Gabriela Hasbun/Upside Foods
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Johannes Mitterer, Nele Justus, Christian Krug

Quellen
  1. 01DIE ZEIThttps://www.zeit.de/2023/18/laborfleisch-in-vitro-fleisch-klimaschutz-tierschutz?wt_cc3=01w0011k0904inhemanew2304f%7bmid%7d&utm_medium=email&utm_source=zbrief&utm_campaign=scrolly_zb_header&utm_content=01w0011k0904inhemanew2304f%7bmid%7d&wt_zmc=emanew.Int.zabo.zbrief.scrolly_zb_header.x
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