Künstliche Intelligenz könnte zum mächtigsten Werkzeug des Menschen werden. Doch die Furcht vor den Gefahren wächst – selbst ihre Erfinder warnen vor einer Gefahr für die Gesellschaft
Der Informatiker Yoshua Bengio gilt als einer der Väter moderner künstlicher Intelligenz. 2018 erhielt er für seine Forschung an künstlichen neuronalen Netzen den Turing Award, den inoffiziellen Informatik-Nobelpreis
Er habe sich schon lange Gedanken darüber gemacht, dass KI sowohl guten als auch schlechten Zwecken dienen kann, sagt er im Gespräch mit der ZEIT. Nur hätten sich seine Bedenken verschärft. „Ich sehe genug Warnsignale, um Alarm zu schlagen.”
Bengio hat vor etwa drei Wochen einen offenen Brief unterzeichnet, zusammen mit dem Who’s who der Tech-Branche. Darunter auch Apple-Gründer Steve Wozniak, Tesla-Chef Elon Musk und Tausende KI-Unternehmer und -Wissenschaftler. Der Brief warnt vor »tiefgreifenden Risiken für die Gesellschaft und die Menschheit« durch künstliche Intelligenz.
Ihre Forderung: ein Moratorium – die Entwicklung fortschrittlicher KI solle für sechs Monate angehalten werden. Wenn die KI-Entwickler die Pause nicht freiwillig einhielten, sollten Regierungen diese durchsetzen.
KI-Systeme können schon heute für Büroarbeiter E-Mails schreiben, für Anwältinnen Präzedenzfälle recherchieren, Ärzten die richtige Behandlung empfehlen. In Zukunft könnten sie helfen, den Klimawandel mit besseren Modellen effektiver zu bekämpfen oder mit Hilfe von Robotern die Pflege der alternden Gesellschaft zu bewältigen.
Aber die Systeme könnten auch eine Gefahr für die Demokratie werden. Schon jetzt können mit aktueller KI Fake-News im großen Maßstab verbreitet werden. Nutzer brachten den Chatbot ChatGPT dazu, als eine Art Zwietrachtmaschine wütende Repliken auf beliebige Facebook-Kommentare zu verfassen.
Der größte Internethit der letzten Märzwoche war ein Bild, auf dem Papst Franziskus in einer Daunenjacke zu sehen ist. Tatsächlich wurde das Bild künstlich erzeugt, mit der KI-Software Midjourney. Auf den ersten Blick ist es von einem Foto nicht zu unterscheiden.
Auch kursierten falsche Fotos von der Verhaftung Donald Trumps. Russische Trollfabriken haben schon beim amerikanischen Wahlkampf 2016 Falschinformationen produziert. Neue KI-Systeme könnten das einfacher und billiger machen.
Dazu kommen Unsicherheiten über die wirtschaftlichen Auswirkungen der neuen Technik. Jens Südekum ist einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen und berät die Bundesregierung. Über Massenarbeitslosigkeit durch KI mache er sich keine Sorgen. »Es fallen Stellen weg, dafür werden neue geschaffen.«
Eher beunruhigt Südekum, dass künstliche Intelligenz die Gesellschaft ungerechter machen könnte. Weil die Löhne von Menschen mit niedriger Qualifikation unter Druck geraten, während sie bei den Hochqualifizierten eher steigen.
Könnte man die Vorteile der KI besser nutzen, wenn man sie zähmte? Die EU will für einen sicheren Umgang mit der künstlichen Intelligenz sorgen. Programme mit geringem Risiko sollen gar nicht reguliert, sehr riskante Systeme hingegen ganz verboten werden. Das Gesetz liegt dem EU Parlament zur finalen Abstimmung vor.
Aktuell, so scheint es, entscheidet sich, ob die Technik wirklich im Dienste der Menschheit steht – oder aus dem Ruder läuft.
Text: Rudi Novotny, Jakob von Lindern, Ann-Kathrin Nezik, Mark Schieritz, Anna Mayr
Fotos: Maciek Jasik (Titelfoto); Guillaume Simoneau (Yushua Bengio); Sofia Brandes für DIE ZEIT (Jens Südekum); KI-Bilder/Screenshots: @sjw_baro/twitter; @jurischnoeller/twitter; @mischimu28/twitter;
Illustration: Sandro Rybak für DIE ZEIT
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug, Frederik Seeler