Zu seinem 100. Geburtstag zieht der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger Bilanz. Mit der ZEIT spricht er über seine Begegnungen mit dem russischen Präsidenten, die Gefahr eines Atomkriegs mit China und die Vorwürfe, er sei ein Kriegsverbrecher
Als Fünfzehnjähriger floh Kissinger mit seiner Familie vor den Nazis. Er studierte in Harvard, wurde dort Professor und diente als Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister unter Nixon und Ford.
Er trieb die Entspannungspolitik mit der Sowjetunion und China voran und vermittelte im Nahen Osten. Er weitete aber auch die Bombenangriffe im Vietnamkrieg dramatisch aus. Wie er die aktuelle Lage der Politik einschätzt:
Kissinger über Putin und den Ukrainekrieg:
»Ich glaube, er hat sich übernommen. Er hat, denke ich, den Eindruck gewonnen, er werde nicht ernst genommen. Die Ukraine ist für ihn ein Symbol für Russlands
Erniedrigung.«
»Als ich ihn vor Jahren das erste Mal traf, damals war er noch stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg, sagte er mir, der Zerfall der Sowjetunion sei eine der großen Tragödien der Weltgeschichte.«
»Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass alle Schuld bei Putin liegt. Der Krieg selbst und die Kriegführung sind höchst rücksichtslos, der Angriff muss zurückgeschlagen werden, und ich befürworte den Widerstand der Ukrainer und des Westens. Aber ich habe schon 2014 in einem Aufsatz ernste Zweifel an dem Vorhaben geäußert, die Ukraine einzuladen, der Nato beizutreten. Damit begann eine Reihe von Ereignissen, die in dem Krieg kulminiert sind.«
Kissinger über Donald Trump und die Republikanische Partei: »Donald Trump hat die einzigartige Fähigkeit, eine große, klar umrissene Minderheit im Land anzusprechen. Das ist noch nie jemandem so gelungen. Deshalb hat Trump enormen Einfluss in der Partei.«
Kissinger über
den Konflikt
zwischen China und den USA:
»Eine militärische Konfrontation
zwischen beiden Mächten wäre ein furchtbares Desaster, schlimmer als der Erste Weltkrieg. Beide sind Hightech-Mächte, sie haben beide Waffen von unbegrenzter Zerstörungskraft.
Und nun kommen neue Technologien hinzu,
die Möglichkeiten bieten, die wir nicht einmal
ansatzweise überschauen.«
»Haben wir also zwei Anführer an der Spitze dieser Mächte – und es braucht unbedingt beide Seiten! –, die weise genug sind zu sagen: Wir müssen dieses Problem lösen? Wenn die beiden Staatsmänner wirklich weise wären, würden sie sagen: Wir zwei, wir sind die größte Bedrohung für die Zukunft der Menschheit.«
Kissinger über den Vorwurf, er sei ein Kriegsverbrecher: »Mich einen Kriegsverbrecher zu nennen war ein einfacher Weg, eine Debatte zu führen, ohne sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Deshalb habe ich diese Frage, diesen Vorwurf, generell nie beantwortet. Stört es mich? Ja, natürlich stört es mich.
Kissinger über die Ausweitung des Bombardements auf Vietnams Nachbarn Kambodscha: »Ich halte es, abstrakt betrachtet, nicht für legitim, ein neutrales Land anzugreifen. Aber ich hielt und halte es für legitim, ein Land anzugreifen, auf dessen Territorium sich Militärbasen befanden, von denen aus Südvietnam und die dort stationierten US-Truppen dort angegriffen wurden.«
Henry Kissinger führte ein bewegtes Leben. Er verkörpert 100 Jahre Zeitgeschichte in einer Person.
Interview: Matthias Naß und Heinrich Wefing
Fotos: Guerin Blask für DIE ZEIT; Getty Images
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Nele Justus, Christian Krug