Besuch bei der ukrainischen Armee, die sich bereit macht für den Gegenschlag. Und der Präsident sagt der ZEIT: »Wir holen alles zurück.« Was, wenn er das wirklich schafft? Und was, wenn nicht?
Quer durch die Ukraine zieht sich eine blutige Front, mehr als 1000 Kilometer lang. Mit der sogenannten Frühjahrsoffensive will sich das Land aus dem lähmenden, quälenden Stellungskrieg befreien.
An der Front im Süden und im Osten der Ukraine sowie im Inland bereiten sich ukrainische Soldaten seit Wochen auf diese Offensive vor. Die ZEIT hat mehrere Einheiten beim Training besucht
In der Region um Charkiw verdrängten bereits im vergangenen Herbst die ukrainischen Streitkräfte russische Soldaten aus besetzten Gebieten.
In diesen Tagen üben Soldaten in einem Waldstück nahe der Großstadt die Minensuche. Sie werden dafür ausgebildet, während einer Offensive die Front zu überqueren und hinter russischen Stellungen Informationen zu sammeln.
Gut 220 Kilometer südöstlich liegt das seit zehn Monaten hart umkämpfte Bachmut. Einige Experten vermuteten zuletzt, dass die Gegenoffensive hier beginnen könnte.
Etwa 30 Kilometer von der Front entfernt sitzen die Soldaten Wolodymyr und Radu des Bataillons Opfor in einem Schützenpanzer. Opfor gilt als Elite-Bataillon. An diesem Tag aber üben Männer, die erst vor Kurzem mobilisiert wurden. Sie füllen die gelichteten Reihen des Bataillons auf, das schon lange in Bachmut kämpft.
Durch die südliche Oblast Cherson verläuft die Front. Die russischen Stellungen liegen auf der östlichen Seite des Flusses Dnepr.
Hier üben fünf Männer um den Puertoricaner Damien Rodriguez in einem zerstörten und – fast – verlassenen Dorf den Häuserkampf. Aber sie trainieren nicht nur. Immer für ein paar Tage werden sie auch eingesetzt, um tatsächlich schon punktuell besetzte Gebiete zu befreien.
Die Krim bildet in vielerlei Hinsicht das strategische Zentrum dieses Krieges. Sollte es zu umfassenden Rückeroberungen der russisch besetzten Territorien am Asowschen Meer kommen, wäre auch diese in Reichweite der Ukraine.
»Sie müssen ja nur einmal auf eine Karte schauen«, sagt der frühere Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Europa, Ben Hodges, im Gespräch mit der ZEIT. »Solange Russland die Krim hält, ist sie wie ein Dolch, der auf den Bauch der Ukraine gerichtet ist.«
Die Führung in Kiew soll bis zu zwölf Brigaden für die Rückeroberung okkupierter Territorien vorbereitet haben, mit möglicherweise über 100.000 gut trainierten, gefechtsbereiten Soldaten.
»Unsere Mission ist es, unser Land zu retten, unsere Unabhängigkeit und unser Volk. Wir holen alles zurück, befreien alle unsere Gebiete, die der Aggressor Russland besetzt hat – bis zu den Grenzen von 1991«, erklärt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gegenüber der ZEIT.
Text: Olivia Kortas, Jan Ross, Anna Sauerbrey, Holger Stark, Michael Thumann, Mitarbeit: Hauke Friederichs und Cathrin Gilbert
Fotos: Johanna Maria Fritz/Ostkreuz für DIE ZEIT, Getty Images (Ben Hodges)
Titelfoto: Ed Ram/Washington Post/Getty Images
Karte: ZEIT-Grafik
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Johannes Mitterer, Nele Justus, Christian Krug