Was war da?

Warum wir uns oft weniger zuverlässig erinnern, als wir glauben – sogar an Dinge, die uns im tiefsten Inneren erschüttert haben

Seit Nicole Kluemper 17 war, ist sie sich sicher: Ihre Mutter hat ihr als Kind sexuelle Gewalt angetan.
Sie hat damals ein Video von sich selbst mit fünf Jahren gesehen, das ein Psychiater aufgenommen hatte. Ihm gegenüber hatte sie den Missbrauch als Kind angedeutet.

Elizabeth Loftus, Gedächtnisforscherin und heute eine Koryphäe ihres Fachs, sagt: Als sie die Videos sah, habe das Kind auf sie gecoacht gewirkt. Als ob man ihm ein Skript eingebläut hatte. War dem Mädchen der Missbrauch nur eingeredet worden?

In den 1970er-Jahren, als Loftus ihre Karriere begann, war die vorherrschende Meinung: Das menschliche Gedächtnis arbeitet wie eine Art Videorekorder, unbestechlich zeichnet es die Wirklichkeit auf und speichert sie als Erinnerung im Gehirn ab.

Als junge Forscherin zeigte Loftus Menschen ein Video eines Auffahrunfalls und fragte anschließend eine Gruppe: »Wie schnell war das Auto, als es das andere berührte?« Eine andere Gruppe fragte sie: »Wie schnell war das Auto, als es in das andere Auto einschlug?«

Die zweite Gruppe nannte im Durchschnitt eine um knapp 15 Kilometer pro Stunde höhere Geschwindigkeit.

Die Studie sorgte für Aufsehen. Es begann eine Phase intensiven Forschens.

Am 28. Januar 1986 explodierte die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start. Der ameri­kanische Psychologe Ulric Neisser und seine Kollegin Nicole Harsch stellten ihren Studierenden am Tag nach der Explosion fünf Fragen zum Moment, in dem sie von der Tragödie erfuhren.

Zweieinhalb Jahre später bekamen dieselben Studierenden dieselben Fragen noch einmal gestellt.
Ein Viertel beantwortete keine einzige Frage wie beim ersten Mal. Die Studierenden hatten die ursprüngliche Erinnerung über­schrieben, ohne dass sie es gemerkt hatten.

Elizabeth Loftus ging noch weiter: Sie wies nach, dass es grund­sätzlich möglich ist, eine ver­meint­liche Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis zu erschaffen.

Sie und andere Psychologen pflanzten Menschen mithilfe von Suggestivfragen falsche Erinnerungen ein. Sie erzeugten bei Versuchs­personen etwa die Erinnerung, von einem aggressiven Tier angegriffen worden zu sein.

Im Lauf ihrer Karriere hat Loftus in mehr als 300 Gerichtsverfahren ausgesagt. Auch in vielen Mordprozessen, in denen Zeugen behaupteten, sie hätten den Angeklagten am Tatort gesehen. Loftus war sich sicher: Manchmal hatten übereifrige Ermittler den Zeugen eine Erinnerung nur eingeredet.

Tatsächlich sind, seit es DNA-Tests gibt, in den USA Hunderte Verurteilte freige­kommen. Etwa 70 Prozent von ihnen hatten im Gefängnis gesessen, weil Augen­zeugen sie beschuldigt hatten.

Mittlerweile können Forscherinnen und Forscher den Prozess des Erinnerns im Hirnscanner beobachten, und was sie dort sehen, scheint Loftus’ Studien zu bestätigen.

Demnach sind am Erinnern, koordiniert vom Hippocampus, fast alle 86 Milliarden Neuronen beteiligt. Es ist ein hochgradig komplexes Neuronen­muster – und deshalb auch so instabil.

Elizabeth Loftus untersuchte auch den Fall von Nicole Kluemper genau und bezweifelt stark, dass jemand diese als Kind missbraucht habe. Nicole Kluemper sagt zu Loftus' Nach­forsch­ungen heute:
»Ich wollte, dass es aufhört. Für mich hatte das nichts mit Wissenschaft zu tun. Ich empfand es als persönlichen Angriff.« Sie hat Loftus verklagt.

Wie der Konflikt zwischen den beiden Frauen ausgegangen ist, wie Erinnerungen täuschen können, und warum Elizabeth Loftus Angst vor einem Anruf von Donald Trump hat, steht in der neuen Ausgabe der ZEIT.

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Veröffentlicht am 30.03.2023
Credits

Text: Bastian Berbner
Fotos: Getty Images; Balazs Gardi und Brandon Tauszik für DIE ZEIT
Titelillustration: David de las Heras
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Produktion: Johannes Mitterer, Christian Krug, Frederik Seeler

Quellen
  1. 01DIE ZEIThttps://www.zeit.de/2023/14/erinnerung-trauma-forschung-gedaechtnis?wt_cc3=01w0011k0904inhemanew2303f%7bmid%7d&utm_medium=email&utm_source=zbrief&utm_campaign=scrolly_zb_header&utm_content=01w0011k0904inhemanew2303f%7bmid%7d&wt_zmc=emanew.Int.zabo.zbrief.scrolly_zb_header.x
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