Wir leben in einem Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten. Nachrichten, Produkte, Dating-Partner – ständig müssen wir uns entscheiden. Unaufhörlich prasseln Informationen auf uns ein. Das stresst. Wie wir den Kopf fürs Wesentliche freibekommen.
Als Nachrichten noch durch Pferdestärken transportiert wurden, waren Informationen ein wertvolles Gut. Briefe, Zeitungen, Pakete kamen mit der Postkutsche. Das Wort Nachrichtenüberflutung war noch nicht erfunden. Eine Mitteilung – ob schlecht oder freudig – war ein Ereignis.
Etwas ungeduldiger saß man nach 1880 am Telefon. Ein Siegeszug, der nicht nur die Kommunikation grundlegend veränderte. Menschen erwarteten Anrufe. So schön es war, eine vertraute Stimme zu hören, erhöhte sich der Druck auf beiden Seiten, das neue Ding auch einzusetzen.
Mit dem Fernsehen gelangten Informationen ab Ende 1952 wohldosiert in unsere Wohnzimmer. Anfangs wurden nur drei Stunden täglich gesendet: Bildung und Wissen erreichten uns in leicht verdaulichen Happen. Von Überforderung war da noch lange keine Rede.
Der große Schub kam mit dem Einzug des Internets. Seitdem erleben wir eine Informationsexplosion. Die Schleusen zur Überflutung wurden geöffnet. Kaum etwas erhöht den Druck so sehr wie die digitalen Medien: Nachrichten, Produkte, Reiseziele, Dating-Partner – wir müssen uns ständig für oder gegen etwas entscheiden. Je größer die Auswahl, umso mehr Verzicht ist nötig. Das stresst.
Die Lebenszeit ist begrenzt. Das ist nicht neu. Das Bewusstsein allerdings, niemals alles in der kurzen Lebenszeit schaffen zu können, hat sich zu einer bedrückenden Gewissheit verdichtet. Und zwar in dem Maße, in dem die Möglichkeiten gestiegen sind. Wir versuchen eine unendliche Anzahl von Dingen in endlicher Zeit zu erledigen – und sind zunehmend überfordert.
Der Alltag erscheint einem wie eine Fließbandtätigkeit an einem stetig schneller laufenden Band. Wichtige und unwichtige Informationen verschwimmen immer mehr. Der Druck wächst durch das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Egal, wie effizient wir sind, wir schaffen es nie, alle Punkte auf unseren To-Do-Listen abzuhaken.
Und als wäre das alles nicht genug, gilt es auch noch, eine Ballung von Krisen zu verarbeiten: Ukraine-Krieg, Gasknappheit, Corona, Klimawandel. In News-Portalen werden schlechte Nachrichten meist deutlich übergewichtet, weil sie mehr Aufmerksamkeit erzeugen, sich besser verkaufen und in sozialen Netzwerken wesentlich öfter geteilt werden.
Durch die Flut schlechter Nachrichten werden manche zu »Newsjunkies«, die zwanghaft verfolgen, was in der Welt passiert. Andere schalten ab und entziehen sich dem Strom der täglichen Berichterstattung, weil sie der negativen Themen müde sind, sie ihnen schlechte Laune machen oder sie sich dadurch erschöpft und ausgelaugt fühlen.
Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung der Gegenwart. Und der Treiber dieser Währung ist das Smartphone. Durch die Einführung des iPhones 2007 wurde der Informations-Turbo schließlich so richtig gezündet.
Denn das Smartphone ist wie dafür gemacht, noch die kleinsten Momente unserer Aufmerksamkeit aufzusaugen – im Zug, auf der Toilette, im Bett. Die digitale Versuchung ist übermächtig.
Wir lassen uns nur zu gern ablenken, weil die wichtigen Aufgaben, die uns etwas bedeuten, schwierig und langwierig sind – und die sozialen Medien eine schnelle Belohnung versprechen. Jedes Klicken und Wischen wird registriert. Aus den gespeicherten Daten formen die digitalen Plattformen einen Inhalte-Tsunami, dem man scheinbar nicht entrinnen kann.
Hirnforscher wissen, dass wir nur einen Bruchteil aller auf uns einströmenden Informationen verarbeiten können. Weniger als ein Tausendstel Prozent aller Informationen nehmen wir bewusst zur Kenntnis. Der allergrößte Teil der Sinneseindrücke wird unbewusst verarbeitet.
Unser Gehirn arbeitet mit zwei Filtern. Die »Wahrnehmungskapazität« bestimmt, wie viel in unseren Kopf hineinkommt. Was in den Kopf hineinkommt und relevant genug ist, um abgespeichert zu werden, entscheidet das »Arbeitsgedächtnis«. Aber das reicht nicht aus, um Irrelevantes auszublenden. Solange die Wahrnehmungskapazität nicht ausgelastet ist, füllen auch unwichtige Informationen unseren Kopf. Das Hirn ist ein schlechter Neinsager.
Damit das Gehirn gar nicht erst in Versuchung kommt, müssen wir das Neinsagen üben und unnötige Ablenkungen aus unserem Leben verbannen.
Das bedeutet: Das Handy bewusst zur Seite legen oder besser noch, in einen anderen Raum verbannen. Lieber weniger Nachrichten konsumieren, dafür fokussierter und sich immer nur auf ein einziges Projekt konzentrieren. Das hebt die Laune und macht glücklicher. Niemand kann alles schaffen. Man muss Dinge auch liegen lassen können.
Wie Sie dem digitalen Dauerfeuer entgehen können und warum genau zwei To-Do-Listen helfen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren lesen Sie in der aktuellen ZEIT.
Grafik und Animation: Jan Schwochow
Text: Elisabeth Borchardt & Nele Justus und Christian Krug
Research: Elisabeth Borchardt & Nele Justus